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Chris­tian Felber, Wirt­schafts­re­for­mer aus Wien, Autor und Grün­dungs­mit­glied von Attac Öster­reich, hat eine Vision: Ein neues, nach­hal­ti­ges Wirt­schafts­mo­dell, das nach Men­schen­maß” funk­tio­niert – eine Gemein­wohl-Öko­no­mie”. Diesen Begriff gibt es bereits seit den 1990er Jahren, Felber för­dert das Kon­zept seit 2010 mit einem eige­nen Verein. Inzwi­schen haben sich über 2.000 Unter­neh­men, zahl­rei­che Initia­ti­ven und Pri­vat­per­so­nen dem Prin­zip der Gemein­wohl-Öko­no­mie ver­pflich­tet, das eine Wirt­schafts­welt schaf­fen will, die auf den Werten der Men­schen­würde, Soli­da­ri­tät und Nach­hal­tig­keit basiert. 

Acht­sam­keit spielt bei diesem Ansatz eine große Rolle, doch nicht ohne die damit ver­bun­dene Ethik. Im Inter­view erklärt Chris­tian Felber, wie Acht­sam­keit, Nach­hal­tig­keit und Wirt­schaft für ihn zusam­men­ge­hö­ren, welche Lösungs­an­sätze bereits exis­tie­ren und wie seine per­sön­li­che Vision einer neuen Wirt­schafts­ord­nung aus­sieht.

1. Du wur­dest kürz­lich mit dem ZEIT WISSEN-Preis Mut zur Nach­hal­tig­keit” aus­ge­zeich­net. Warum braucht man deiner Mei­nung nach in unse­rer Gesell­schaft immer noch Mut, um sich nach­hal­tig zu ver­hal­ten?

Weil wir zutiefst unnach­hal­tig sind und die meis­ten der großen Umwelt­pro­bleme noch nicht einmal im Ansatz einer Lösung zuge­führt werden. Wobei ich Mut und Frei­heit hier gerne kom­bi­nie­ren möchte: Es braucht die Frei­heit, die Begrenzt­heit des Pla­ne­ten und unsere Ein­heit mit ihm und allem zu erken­nen und zu akzep­tie­ren, dann fällt es nicht schwer und bedarf nicht des Mutes“, nach­hal­tig zu werden, son­dern es wird dann ein Bedürf­nis. Ich habe zum Bei­spiel ein star­kes Bedürf­nis danach, end­lich den öko­lo­gi­schen Preis­nach­weis auf allen Pro­duk­ten zu finden und meinen jähr­li­chen Ein­kauf daran zu ori­en­tie­ren, dass ich öko­lo­gisch sol­vent“ bleibe. 

Des Mutes bedarf es sei­tens der Regie­run­gen und Par­la­mente, weil die Lob­bies das Gegen­teil von ihnen for­dern. Und sie geben diesem Gegen­druck der­zeit ver­läss­lich nach. In die Sou­ve­räne hätte ich mehr Ver­trauen, da würde es ein großer Teil, viel­leicht die Mehr­heit, wie eine Befrei­ung erle­ben, dass wir die Ver­bun­den­heit mit der Erde und der Zukunft aner­ken­nen und unser täg­li­ches Han­deln danach ori­en­tie­ren. Auch wenn die kon­kre­ten Schritte – Umstieg auf Fahr­rad und Öffis, immer weni­ger Fleisch, keine Flug­rei­sen, lang­le­bige Dinge, keine unnüt­zen Dinge, Teilen – eine Umge­wöh­nung dar­stel­len, und jede Umge­wöh­nung bedarf dann doch wieder, wie jedes Aben­teuer, auch des Mutes.

2. Ange­nom­men, unsere glo­bale Öko­no­mie schafft tat­säch­lich den Wandel, weg vom klas­si­schen Kapi­ta­lis­mus, hin zu ethi­schem Handel. Was ist deine Vision von der Welt im Jahr 2117?

Alles ist nach Men­schen­maß: Äcker und Städte sind klei­ner, die Wege kürzer, die Unter­neh­men klein oder mit­tel­groß. Wir gehen sinn­vol­len Arbei­ten nach und leben den­noch im Zeit­wohl­stand. Den benö­ti­gen wir auch für die Pflege von Bezie­hun­gen und Gemein­schaft, und um uns umfas­send zu bilden: Gewalt­freie Kom­mu­ni­ka­tion, emo­tio­nale Kom­pe­tenz, Kör­per­ar­beit von Yoga und Tanz bis zärt­lich raufen und Mas­sage. Auch für die sou­ve­räne Demo­kra­tie, die dezen­tra­ler und sub­si­diär funk­tio­niert, bleibt mehr Zeit. 

Wir sind alle Gärt­ne­rIn­nen im Klei­nen und ernäh­ren uns flei­sch­arm oder –los. Alle Pro­dukte haben neben der finan­zi­el­len eine öko­lo­gi­sche Preis­aus­zeich­nung, wodurch wir inner­halb der pla­ne­ta­ren Nach­hal­tig­keits­gren­zen leben und unse­ren Kin­dern und Enkeln die glei­chen Lebens­chan­cen hin­ter­las­sen, die wir selbst vor­ge­fun­den haben. Öko­lo­gi­sche Men­schen­rechte“ schüt­zen das Prin­zip der Gleich­heit und die Mutter Erde. Das inter­na­tio­nale Gewalt­mo­no­pol wurde auf die demo­kra­ti­sierte UNO über­tra­gen, die Pro­duk­tion von Waffen durch Natio­nal­staa­ten ist ver­bo­ten. Gewalt­frei­heit wurde als höchs­ter Wert erkannt, auch im Umgang mit der Natur, mit uns selbst und in der Wirt­schaft. Des­halb tötet“ diese Wirt­schaft nicht mehr. Das Leben ist heilig“, wissen und hüten alle.

3. Dieses Jahr warst du erneut Redner auf der MIND Kon­fe­renz und hast einen Vor­trag zur Gemein­wohl-Öko­no­mie gehal­ten. Wo siehst du die Schnitt­stelle zwi­schen Wirt­schaft und Acht­sam­keit?

Acht­sam­keit ist – wie NLP (Neu­ro­lin­gu­is­ti­sche Pro­gram­mie­rung) oder emo­tio­nale Kom­pe­tenz – ein wich­ti­ges Werk­zeug, das für die fal­schen Ziele ein­ge­setzt werden kann: Acht­sam mani­pu­lie­ren, acht­sam fol­tern, … des­halb muss in die Defi­ni­tion von Acht­sam­keit die Ethik inte­griert werden: Aner­ken­nung der Men­schen­würde, Empa­thie, Gewalt­frei­heit, Respekt und Schutz des Lebens. Dann ist eine acht­same Wirt­schaft per Defi­ni­tion eine Gemein­wohl-Öko­no­mie. Da gibt es nicht Schnitt­stel­len“, son­dern jeder Schritt, jeder Gedanke, jede acht­same Hand­lung ist dann per se Gemein­wohl-ori­en­tiert.

Dafür braucht es aber dann auch die nöti­gen Instru­mente: Gemein­wohl-Prü­fung, Gemein­wohl-Bilanz und Gemein­wohl-Pro­dukt. Damit sich unsere innere Hal­tung im Außen mate­ria­li­sie­ren kann. Ebenso bedarf es eines Rechts­rah­mens für die Wirt­schaft, der die Werte, die in acht­sa­men Hand­lun­gen zum Aus­druck kommen, gezielt för­dert. Ganz­heit­lich acht­same Men­schen haben des­halb den Ord­nungs­rah­men für die Wirt­schaft im Blick und setzen sich über demo­kra­ti­sche Pro­zesse dafür ein, dass sie Acht­sam­keit und Gemein­wohl-Ori­en­tie­rung beloh­nen.

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4. Die Gemein­woh­löko­no­mie” ist mitt­ler­weile eine inter­na­tio­nale Bewe­gung, in der sich immer mehr Unter­neh­men, Gemein­den und Uni­ver­si­tä­ten enga­gie­ren. Grob gesagt han­delt es sich um ein Wirt­schafts­mo­dell, in dem Koope­ra­tion und humane Grund­werte im Vor­der­grund stehen. Wie kam dieses Kon­zept zustande und was ist der Unter­schied zu unse­rem aktu­el­len System?

Zustande kam es durch eine Tie­fen­ana­lyse des gegen­wär­ti­gen Wirt­schafts­sys­tems, das so breite Unzu­frie­den­heit aus­löst, weil seine Werte in viel­fa­chem Wider­spruch zu den uni­ver­sa­len Bezie­hungs- und Ver­fas­sungs­wer­ten stehen. Ergeb­nis war die Ein­sicht, dass wir Ziel und Mittel ver­wech­seln. Geld und Kapi­tal, die eigent­lich nur Mittel sein soll­ten, sind zum Ziel wirt­schaft­li­cher Tätig­kei­ten gewor­den. Das ist daran erkenn­bar, dass wirt­schaft­li­cher Erfolg primär an Ren­dite, Profit und BIP (Brut­to­in­lands­pro­dukt) gemes­sen wird – alles Geld-Indi­ka­to­ren. Laut Ver­fas­sun­gen und Phi­lo­so­phien ist aber das Ziel, an dem Erfolg übli­cher­weise gemes­sen wird, das Gemein­wohl. Folge: Wirt­schaft­li­cher Erfolg sollte des­halb – metho­disch kor­rekt – am Bei­trag zum Gemein­wohl und dessen Meh­rung gemes­sen werden: via Gemein­wohl-Prü­fung (Inves­ti­tio­nen), Gemein­wohl-Bilanz (Unter­neh­men) und Gemein­wohl-Pro­dukt (Volks­wirt­schaft). Wer mehr zum Gemein­wohl bei­trägt, wird dafür rela­tiv belohnt: mit Steu­ern, Zöllen, Zinsen, For­schungs­pro­jek­ten und öffent­li­chem Auf­trag. Damit wird ver­ant­wor­tungs­vol­les, nach­hal­ti­ges und ethi­sches Wirt­schaf­ten ren­ta­bel und zum Stan­dard.

5. Du bist Buch­au­tor, Dozent, freier Tänzer und poli­ti­scher Akti­vist. Was steht für dich im Vor­der­grund? Mit wel­chem Begriff wür­dest du dich ganz per­sön­lich am ehes­ten beschrei­ben?

Ich ver­stehe mich als Visio­när, das meint im Latei­ni­schen die Fähig­keit, den Dingen auf den Grund zu schauen, sowie als prak­ti­scher Wirt­schafts­re­for­mer. Mit Büchern, Vor­trä­gen, der Grün­dung von sozia­len Bewe­gun­gen und der Ent­wick­lung repli­zier­ba­rer Pro­to­ty­pen. Ich bin auch Tänzer und inter­es­siere mich für art­ge­rech­tes Bewe­gen“. Weil für mich das Fühlen, die Intui­tion und die spi­ri­tu­elle Grun­die­rung gleich wich­tig wie das Denken sind, trifft es der Begriff ganz­heit­lich“ am besten, wie ich zu leben und als Mensch da zu sein ver­su­che.

6. Als Tänzer gibst du auch Work­shops zu unter­schied­li­chen Bewe­gungs­for­men, unter ande­rem Con­tact Impro­vi­sa­tion, Part­ne­ring und Soft Acro­ba­tics. Das klingt zunächst über­ra­schend, wo siehst du hier die Ver­bin­dung zu Wirt­schafts- und poli­ti­schem Akti­vis­mus?

Wer ein holis­ti­sches Wirt­schafts­mo­dell, das dem Men­schen in all seinen Dimen­sio­nen und Facet­ten gerecht wird, ent­wi­ckeln möchte, muss selbst holis­tisch leben – sonst wird etwas Rele­van­tes über­se­hen. Im Akro­yoga lernt mensch die Koope­ra­tion, im Con­tact die Impro­vi­sa­tion. Beides ist uner­läss­lich beim Ent­wi­ckeln gesell­schaft­li­cher Alter­na­ti­ven. Wenn ich selbst viel und erfül­lend tanze, kenne ich mich besser und ich kann den Ver­füh­run­gen der Macht und des Erfolgs besser wider­ste­hen – weil ich weiß, was das Mensch­sein im Grunde aus­macht und wie ich glück­lich werde. Wer die phy­si­schen und Her­zens­freu­den nicht kul­ti­viert, ist anfäl­li­ger für die Ori­en­tie­rung an Geld, Macht und Erfolg um seiner selbst willen.

7. Hast du ganz kon­krete Tipps, wie sich jeder ein­zelne – beruf­lich und privat – für das Gemein­wohl enga­gie­ren kann? Was tust du ganz privat für eine posi­tive Gemein­wohl­bi­lanz?

Ich ver­su­che, allen Men­schen, gerade in den kurzen und oft eili­gen All­tags­si­tua­tio­nen, mit glei­chem Respekt und glei­cher Wert­schät­zung zu begeg­nen. Per­sön­lich habe ich aus Prin­zip kein Auto, keinen Fern­se­her, keine eigene Wasch­ma­schine oder keine Mikro­welle. Beson­ders wich­tig finde ich das Enga­ge­ment in einer sozia­len Bewe­gung wie zum Bei­spiel Mehr Demo­kra­tie, Forum Umwelt&Entwicklung, PowerS­hift oder Attac. 

Die Gemein­wohl-Öko­no­mie-Bewe­gung hat einen Gemein­wohl-Selbst­test“ ent­wi­ckelt, der ein her­vor­ra­gen­der Leit­fa­den für einen ethi­schen Lebens­stil dar­stellt. Er hilft, alle grund­le­gen­den Schritte im Leben auf ihre Aus­wir­kun­gen auf die Umwelt nach den Grund­wer­ten Men­schen­würde, Nach­hal­tig­keit, Gerech­tig­keit, Soli­da­ri­tät und Demo­kra­tie zu reflek­tie­ren. Selbst­ver­ständ­lich kann er auch nur als Inspi­ra­tion für eigene Ziele und Maß­nah­men dienen. Der Quell der Gemein­wohl-Ori­en­tie­rung ist aber aus meiner Sicht das In-Ver­bin­dung- Gehen mit dem großen Ganzen, das Hin­ein­spü­ren in die Welt, wie sich mein Dasein aus­wirkt. Aus einer tiefen Ver­bin­dung erwach­sen meiner Erfah­rung nach von selbst alle Hin­weise, wie wir uns ver­hal­ten soll­ten. Den ver­läss­lichs­ten ethi­schen Kom­pass tragen wir im eige­nen Herzen.



TED-Talk Chris­tian Felber: What if the common good was the goal of the eco­nomy?


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