von Anna Rosen­baum

Ich neige dazu, mir viele Pro­jekte gleich­zei­tig auf­zu­hal­sen, schöne und weni­ger schöne, für mich und für andere. Und wenn mich jemand um einen Gefal­len bittet, erfülle ich den gerne noch zusätz­lich. Fast immer und mög­lichst per­fekt. Ohne meinen eige­nen men­ta­len und kör­per­li­chen Res­sour­cen viel Beach­tung zu schen­ken. Das weiß auch mein Umfeld über mich, und so kam es, dass ich ange­bo­ten bekam, doch einmal an einem Mind­ful Self Compassion”-Kurs (kurz: MSC) teil­zu­neh­men. Über­setzt: Acht­sa­mes Selbst­mit­ge­fühl”.

Das Thema war mir natür­lich nicht neu – habe ich mich doch schon ziem­lich aus­gie­big mit Acht­sam­keit beschäf­tigt. Aber getreu dem Motto Der Schus­ter trägt die schlech­tes­ten Schuhe”, fiel es mir schwer, auch mit mir selbst acht­sam und lie­be­voll umzu­ge­hen. Und wenn mir auf­ge­fal­len ist, dass ich nicht lie­be­voll mit mir war, habe ich mir auch noch Vor­würfe gemacht. Ist mir der Gedanke dann wie­derum auf­ge­fal­len, habe ich mich dar­über auch noch geär­gert – und ruck­zuck war ich in einer Nega­tiv­spi­rale, die ich mir selbst gebas­telt habe. 

Kurzum: Ich freute mich riesig über das Ange­bot und war gespannt darauf, end­lich zu lernen für immer und ewig alles acht­sam und rich­tig zu machen und gut mit mir umzu­ge­hen. Das hab ich mir so gedacht! Was ich dann wirk­lich bekom­men habe, war sogar noch viel besser. 

Aber eines nach dem ande­ren. Hier erst einmal ein paar Infos zu dem Kurs und wie ich ihn erlebt habe:

7 Infos zum Mind­ful Self Com­pas­sion-Kurs

  1. Das Pro­gramm wurde von den Psy­cho­lo­gen Dr. Chris­to­pher Germer und Dr. Kris­tin Neff aus den USA ent­wor­fen

  2. Dauer: Acht Wochen mit wöchent­lich einem drei­stün­di­gen Tref­fen + fünf­tä­gi­gem Inten­siv­kurs

  3. Bestand­teil sind kurze Vor­träge, Medi­ta­tio­nen, Selbst­er­fah­rungs­übun­gen und Aus­tausch in der Gruppe

  4. Zusätz­lich gibt es Übun­gen für zu Hause

  5. Hilf­rei­che Vor­aus­set­zun­gen sind: Offen­heit für acht­sam­keits­ba­sierte Ver­fah­ren, eine Ver­trau­ens­ba­sis zu der Kursleiterin/​dem Kurs­lei­ter und den ande­ren Teil­neh­mern, die Bereit­schaft das eigene Denken zu reflek­tie­ren und zu ver­än­dern

  6. Nicht unbe­dingt not­wen­dig sind: Medi­ta­ti­ons­er­fah­rung, andere Vor­kennt­nisse

  7. Evi­denz-basiert Ergeb­nisse des Kurs­for­mats: Ver­bes­se­rung des emo­tio­na­len Befin­dens, des Mit­ge­fühls für andere, mehr Acht­sam­keit für und Zufrie­den­heit mit dem Leben + signi­fi­kante Reduk­tion von Stress, Angst und Depres­sion

Wie fühlt sich Selbst­mit­ge­fühl an?

Für mich war das bewusste Selbst­mit­ge­fühl eine neue Erfah­rung. Natür­lich kannte ich schon Gedan­ken wie: Ach, ist nicht so schlimm. Beim nächs­ten Mal wird’s besser.” oder andere moti­vie­rende, auf­mun­ternde Sprü­che, aber ich hatte sie noch nie bewusst ein­ge­setzt. Zumin­dest nicht für mich selbst – eher für andere. 

Um mich rich­tig in das Selbst­mit­ge­fühl hin­ein­zu­ver­set­zen, musste ich mich zunächst ein paar Mal aus­trick­sen, indem ich mich selbst gefragt habe: Was würde ich in dieser Situa­tion zu meiner besten Freun­din sagen?”. Mir klar zu machen, dass ich selbst genauso viel Nach­sicht und Wohl­wol­len ver­dient habe wie meine Freunde und dass ich mir das auch selbst geben kann, war ein sehr bewe­gen­des Gefühl. War das erst einmal ver­in­ner­licht, fiel es mir auch leich­ter, die Übun­gen direkt auf mich selbst anzu­wen­den und Mit­ge­fühl mit mir selbst zu ent­wi­ckeln.

Natür­lich kann jeder nur seine eige­nen Erfah­run­gen machen und es wird sich für jeden anders anfüh­len, aber für mich hat Mit­ge­fühl mir selbst gegen­über etwas erleich­tern­des, ent­las­ten­des und befrei­en­des. Auf einmal fühlt es sich in Ord­nung an, nicht per­fekt zu sein; ja, es ist fast schön, meine eige­nen Makel zu ent­de­cken, mich selbst besser ken­nen­zu­ler­nen und für mich da zu sein. Gefühle lassen sich leich­ter zulas­sen, weil es mir viel leich­ter fällt, sie etwas dis­tan­zier­ter zu betrach­ten. Es scheint jetzt normal, dass auch ich mal trau­rig, wütend oder einsam bin.

7Mind kos­ten­los star­ten


Was bringt Selbst­mit­ge­fühl – in der Theo­rie und in der Praxis?

In dem geschütz­ten Rahmen des MSC-Kurses haben mir die Selbst­mit­ge­fühl-Übun­gen also gezeigt, wie ich groß­zü­gi­ger und nach­sich­ti­ger mit mir selbst umge­hen kann, und das hat bei mir ein­wand­frei funk­tio­niert. Doch meine Befürch­tung war natür­lich, dass ich das nicht ein­fach so bei­be­hal­ten kann, wenn der Alltag mich wieder über­rollt, und ich even­tu­ell wieder fünf Pro­jekte gleich­zei­tig starte. 

Ich kann nicht sagen, dass ich voll­stän­dig geläu­tert wäre und jetzt immer ganz ent­spannt eine Sache nach der ande­ren angehe. Ich mache noch immer viel, aber ich mache es gerne! Und manch­mal sage ich jetzt auch nein”. Zu mir selbst oder zu ande­ren – wann immer ich das Gefühl habe, dass mir etwas über den Kopf wächst. Manch­mal fühle ich mich trotz­dem noch über­for­dert, aber ich finde es nicht mehr schlimm. Zu meiner Freun­din würde ich ja auch sagen: Du machst auch wirk­lich viel. Toll, was du alles leis­ten kannst. Das schaffst du jetzt auch noch!”

Also, kurz zusam­men­ge­fasst: In der Theo­rie nimmt mir Selbst­mit­ge­fühl Druck und Stress, die ich mir selbst durch meine Gedan­ken mache. Es befreit mich von dem Gefühl, per­fekt sein zu müssen und mög­lichst alles gleich­zei­tig per­fekt zu machen. Und immer für jeden da sein zu wollen, wäh­rend ich mich selbst hinten anstelle. Es hilft mir, Gefühle zu erfor­schen und besser wahr­zu­neh­men, was mir selbst wirk­lich gut tut.

In der Praxis funk­tio­niert es nicht immer so ganz, aber die Mög­lich­keit des Selbst­mit­ge­fühls ist zumin­dest stän­dig in meinem Hin­ter­kopf. Selbst wenn ich es einmal nicht voll­stän­dig umset­zen kann, ist es da, und hilft mir, auch meine eige­nen Fehler und Fehl­tritte in der Umset­zung hin­zu­neh­men, anzu­neh­men und es das nächste Mal ein­fach neu zu ver­su­chen. Es gibt also keine Situa­tion, die keine Übungs­si­tua­tion sein kann! Und mit dem Selbst­mit­ge­fühl ist es wie mit fast allem: Übung macht den Meis­ter.

Infor­mie­ren und aus­pro­bie­ren

Ich könnte noch viel mehr berich­ten, aber letzt­lich ist es doch an jedem selbst, sich ein Bild zu machen. Wer sich weiter infor­mie­ren möchte: Es gibt eine offi­zi­elle Inter­net­seite für Mind­ful Self Com­pas­sion, auf der man sich weiter ein­le­sen, Kurs­an­ge­bote finden und Lehrer in der Nähe suchen kann. 

Schaut doch mal rein unter: http://​cen​ter​formsc​.org.

Viel Freude beim Erkun­den, Üben und Fühlen!

Eure Anna

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