von Alexandra Gojowy

Das Wort des Jahres 2016 war gar keins. “Face-with tears-of-joy” wurde durch die Oxford-Dictionaries-Redaktion zum Ausdruck des Jahres gewählt, denn es ist eines der meistgenutzten Emojis in Großbritannien. Die Deutschen hingegen lieben Affen, die Franzosen Herzen, und Spanier bevorzugen den Partyhut.

Es scheint die Kommunikation zu erleichtern, komplexe Gefühle in einfachen Symbolen auszudrücken. Doch nicht nur von Land zu Land werden unterschiedliche Symbole bevorzugt. Auch das Endgerät entscheidet über die Darstellung eines Emojis. Missverständnisse sind wortwörtlich vorprogrammiert. Viele wissenschaftliche Studien widmen sich mittlerweile den verschiedenen Aspekten der modernen Zeichensprache. Wir haben einige davon aufgegriffen, um die Frage zu betrachten, wie Emojis unsere Art zu kommunizieren verändern. Sind sie inzwischen essentieller Teil unserer Kultur oder behindern sie vielmehr die Verständigung?

Der Smiley - eine Erfolgsgeschichte

Wer erinnert sich eigentlich noch an Harvey Ball? Der Inhaber einer Werbefirma kreierte 1963 einen Ansteckbutton für Mitarbeiter eines Versicherungsunternehmens. Die Oberfläche malte er gelb aus und versah sie mit einem lachenden Gesicht aus Punkten und Strichen. Der Smiley war geboren und wurde innerhalb weniger Monate auf dem ganzen Globus populär. Knappe zwanzig Jahre später kam ein Wissenschaftler und Informatikprofessor auf die Idee, ein seitwärts nachgebildetes Lachen online zu verschicken. Das Ergebnis aus Satzzeichen ist weltberühmt :-)

Der Erfolg des Smileys lässt sich auch wissenschaftlich erklären. Eine Studie des australischen Psychologen Owen Churches ergab, dass Informationen aus Bildern schneller unser Gehirn erreichen als die aus Worten. Das hat damit zu tun, dass unser Gehirn Informationen generell in Bildern verarbeite. Visuelle Reize wirken schneller als bloßer Text, da dieser erst noch umgewandelt werden muss. Churches erklärt, dass Menschen auf ein gezeichnetes Lächeln ebenso positiv reagieren wie auf ein reales, menschliches Gesicht.

Im Jahr 2010 ersetzten detailliertere Grafiken die einfache Zeichensprache. Ins Leben gerufen wurden sie von einem Japaner, ebenso der Name “Emoji”, welcher eine Kombination aus den japanischen Wörtern für “Bild” und “Buchstabe” ist. Seitdem wandeln viele Chat-Programme Satzzeichen automatisch in Bildsprache um. Theoretisch hat das viele Vorteile, da Bilder linguistische Grenzen leichter überwinden können. Selbst jemand, der beispielsweise kein Englisch spricht, würde das “Face-with tears-of-joy” interpretieren können. Sollte man jedenfalls meinen. Doch in der Praxis sieht es oft ganz anders aus.

Tränen der Trauer oder weinen vor Freude?

Die Website Emojipedia widmet sich der Darstellung von Emojis auf unterschiedlichen Betriebssystemen. Wieso Emojipedia ein hilfreiches Tool ist, erklärt eine Studie der amerikanischen University of Minnesota. Die Forscher untersuchten, ob Nutzer der gleichen Endgeräte Emojis auf gleiche Weise interpretieren. Das Ergebnis: selbst bei Betrachtung von identischen Symbolen konnten sich 25% der Befragten nicht einigen, ob das Gezeigte positiv, negativ oder neutral wirkt. Hinzu kommt, dass Männer und Frauen Emojis auf unterschiedliche Art und Weise benutzen. So könnte man denken, das Motiv der Aubergine stehe für eine Kochzutat. In den USA wird das Gemüse aber oft als Phallussymbol gebraucht.

Kulturelle Unterschiede können das Verständnis beeinflussen, wie Christina Siever vom Deutschen Seminar an der Universität Zürich erklärt. Denn Emojis sind an die gesellschaftlichen Konventionen eines Landes geknüpft. So kann das Schwein sowohl als Symbol für Glück oder Fruchtbarkeit stehen oder ein leider wenig geschätztes landwirtschaftliches Nutztier darstellen.

Es scheint schwer, sich auf eine universelle Wirkungsweise von Emojis zu einigen. Sicher ist, dass Smileys, Partyhüte und Herzen nicht mehr aus der digitalen Kommunikation wegzudenken sind. Vor allem, wenn es schnell gehen muss, erweisen sie sich als äußerst praktisch. Man ist zu spät, weil man noch schnell etwas essen muss, bevor man aus dem Haus geht? Ein Paar Schuhe, eine Uhr und ein Stück Pizza sind schneller getippt als lange Erklärungen. Doch können Grafiken wirklich das geschriebene Wort ersetzen?

Die Kombination macht's

Wissenschaftlerin Christina Siver erklärt, dass Emojis die Bedeutung eines Satzes entweder verstärken oder abschwächen. Wort und Bild können aber nur in Kombination ihr volles Potential entfalten. Und das ist auch gut so. Emojis sind zwar fester Bestandteil der Chat-Kultur, trotzdem wirken sie nur ergänzend. Das bestätigt auch Sprachwissenschaftler Michael Beißenweger in einem Gespräch mit dem Goethe-Institut. Emojis würden das Fehlen der Mimik und Gestik der Internet-basierten Sprache kompensieren. Bildzeichen ersetzen also die Körpersprache, nicht aber die Worte an sich. Nach seiner Auffassung leidet dabei weder die Qualität der Sprache, noch beobachten wir einen tatsächlichen Verfall der Sprachkultur. Ganz im Gegenteil, der Austausch sei durch den Gebrauch von Bildzeichen sogar dialogischer. Für erfolgreiche Kommunikation sei nicht nur die richtige Kombination ausschlaggebend, sondern auch die Menge der verwendeten Emojis.

Das richtige Maß finden

Mit Emojis ist es wie mit vielen anderen Dingen auch - das richtige Maß zählt. Ebenso wie der Ansprechpartner. Der Gebrauch von Emojis beschränkt sich hauptsächlich auf private Unterhaltungen. Einige Unternehmen haben mittlerweile zwar erfolgreich getestet, inwiefern sich Emojis für Marketingzwecke einsetzen lassen, von der Nutzung im rein geschäftlichen Kontext ist trotzdem weitestgehend abzuraten.

Viele Menschen reagieren tatsächlich sensibel auf zu viele Herzchen, Blumen und Tierköpfe. Andererseits machen sie unsere digitale Kommunikation auch herrlich lebendig und sorgen häufig für ein Schmunzeln. Wer sich unsicher ist, was es zu bedeuten hat, wenn der Chat-Partner eine Aubergine schickt, kann zur Not ja immer noch auf eine altbewährte Methode zurückgreifen und einfach mal wieder anrufen ;-)


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