von Alex­an­dra Gojowy

Wiki­pe­dia sagt, Mit­leid sei die Anteil­nahme am Schmerz und Leid ande­rer. Die Idee: Wenn das Leid durch zwei geteilt wird, hat die betrof­fene Person weni­ger Last zu tragen. Dabei gibt es aller­dings ein Pro­blem, denn wenn wir als Freund und Helfer plötz­lich eben­falls leiden, sind wir nicht mehr in der Lage, Unter­stüt­zung zu lie­fern.

Gemischte Gefühle

Nehmen wir ein klas­si­sches Bei­spiel: Du sitzt in der U-Bahn und beob­ach­test, wie ein alter Herr das Abteil betritt. Er sieht sehr gebrech­lich aus, viel­leicht geht er am Stock. Er hat Mühe, den Weg zu einem freien Sitz hinter sich zu brin­gen und lässt sich nur in Zeit­lupe darauf nieder. Er schafft es gerade so, bevor sich die Bahn in Bewe­gung setzt, die ihn Sekun­den vorher aus der Balance geris­sen hätte. 

Viel­leicht gehen dir Gedan­ken durch den Kopf, wie Der arme Mann, so ganz alleine unter­wegs” oder Es muss schwer sein im Alter, hof­fent­lich geht es mir später besser”. Fakt ist, Mit­leid fühlt sich nicht gut an. Oft bemit­lei­den wir Per­so­nen, die uns unglück­lich oder hilf­los erschei­nen. Dann leiden wir zwar mit, sind aber gleich­zei­tig froh, dass es uns besser geht. Mit­leid ist also eher eine pas­sive Hal­tung mit bit­te­rem Bei­ge­schmack. Wir stel­len zwar eine emo­tio­nale Bin­dung zur betrof­fe­nen Person her, bedau­ern unser Gegen­über aber gleich­zei­tig.

Ist Mit­leid ego­is­tisch?

Nicht ganz, schließ­lich ver­su­chen wir, uns in die Situa­tion einer ande­ren Person hin­ein­zu­ver­set­zen. Im End­ef­fekt geht es aber mehr um uns selbst. Du siehst den erschöpf­ten alten Herren und pro­ji­zierst dieses Bild auf dich und dein Leben. Natür­lich schmerzt die Vor­stel­lung, irgend­wann selbst in seiner Lage zu sein. Und dieses Gefühl ver­ur­sacht Mit­leid, denn du stellst dir vor, wie schlecht es dir selbst in seiner Situa­tion gehen würde. 

Anders ist es, wenn wir Mit­ge­fühl für jeman­den haben. Auch wenn beide Emo­tio­nen sehr nah bei­ein­an­der liegen, gibt es einen ent­schei­den­den Unter­schied. Denn fühlen wir mit jeman­dem mit, haben wir genug emo­tio­na­len Abstand, um eine objek­tive Sicht­weise ein­zu­neh­men. Der Schlüs­sel, um zum Fels in der Bran­dung zu werden.

Ein Akt der Zuwen­dung

Egal, ob Mit­leid oder Mit­ge­fühl, beides sind emo­tio­nale Reak­tio­nen, die teil­weise sogar auto­ma­tisch ablau­fen. Schuld daran ist die Fähig­keit unse­res Gehirns, sich Erre­gungs­mus­ter abzu­gu­cken. Dann feuern die neu­ro­na­len Netz­werke plötz­lich ähn­li­che Impulse ab, unab­hän­gig davon, ob man das Leid nur beob­ach­tet oder selbst die Erfah­rung macht. Den ent­schei­den­den Unter­schied macht unsere innere Ein­stel­lung.

Mit jeman­dem zu fühlen bedeu­tet, dass wir uns in die Lage der ande­ren Person ver­set­zen, ohne uns damit zu iden­ti­fi­zie­ren. Diesen Abstand brau­chen wir unbe­dingt, denn nur so können wir für jeman­den, der in einer kniff­li­gen Lage steckt, zur echten Unter­stüt­zung werden. Wer mit­fühlt, ohne sich das Leid selbst anzu­eig­nen, bleibt außer­dem offen für Lösun­gen und hat genug Kraft, um aktiv zuzu­hö­ren und eine starke Schul­ter zu bieten.

Mit­ge­fühl wirkt auf den ersten Blick etwas neu­tra­ler als das Mit­leid, da wir nicht so stark mit dem Lei­den­den ver­bun­den sind. Gleich­zei­tig können wir in der Rolle des lie­be­vol­len Beob­ach­ters aber auch den nöti­gen Mut schen­ken, um eine Situa­tion zu ent­schär­fen. Der wich­tigste und erste Schritt sollte aber immer sein, Akzep­tanz zu ent­wi­ckeln, ganz ohne Gedan­ken wie Ein Glück hat es mich nicht getrof­fen”.

Das Selbst­mit­ge­fühl stär­ken mit Medi­ta­tion:
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Akzep­tanz lernen

In jedem von uns steckt das Hel­fer­syn­drom. Jemand ist in einer miss­li­chen Lage? Schnell wollen wir zur Hilfe eilen und die Person von ihrem Leid befreien. Was nobel klingt, kann aber auch eigen­nüt­zig sein. Schließ­lich ist es schwer mit anzu­se­hen, wenn es einem lieben Men­schen schlecht geht. 

Natür­lich wollen wir nicht, dass jemand leidet. Schnell sind wir mit Rat und Tat zur Seite, um Aus­wege zu finden. Wenn es mal nicht wei­ter­geht, helfen aber weder Flos­keln wie Auch das geht vor­über” oder Nimm’s nicht so schwer”, noch über­mä­ßi­ger Taten­drang, das Pro­blem so schnell es geht zu eli­mi­nie­ren. Denn nur mit Akzep­tanz kann man ein Pro­blem wirk­lich anneh­men, statt es zu ver­mei­den.

Mit­ge­fühl bedeu­tet weder Flucht nach vorn, noch das Trau­ern um die Ver­gan­gen­heit, als es einer ande­ren Person noch gut ging. Mit­ge­fühl ist stille Anteil­nahme, ohne sofort etwas tun zu wollen oder das Leid abzu­wen­den. Mach dir den Unter­schied immer wieder bewusst, wenn du einem ande­ren Men­schen helfen möch­test. Glei­ches gilt auch, wenn du selbst vor einem Pro­blem stehst. 

Was wür­dest du einem guten Freund raten?

Andere unter­stüt­zen zu können, ist eine wun­der­volle Fähig­keit und wich­tig für jede enge Bezie­hung. Doch auch Mit­ge­fühl dir selbst gegen­über ist essen­ti­ell, um dich durch schwie­rige Zeiten zu tragen. Trotz­dem wirkt der Begriff des Selbst­mit­ge­fühls auf manche noch etwas fremd. Ist das nicht noch so ein Trick, um das Ich noch weiter auf­zu­bla­sen? Ganz im Gegen­teil. Wenn wir lie­be­voll mit uns selbst umge­hen, lernen wir sowohl Akzep­tanz, Empa­thie und sogar das Ver­zei­hen. Wich­tige Fähig­kei­ten, um gute Bezie­hun­gen auf­zu­bauen.

Um Selbst­mit­ge­fühl zu üben, müssen wir uns aus­trick­sen. So kannst du dich zum Bei­spiel fragen: Was würde ich in dieser Situa­tion einer guten Freun­din sagen?”, oder Wie würde jetzt mit meiner klei­nen Schwes­ter oder mit meinem klei­nen Bruder spre­chen”? Ver­mut­lich wür­dest du Ver­ständ­nis zeigen, dich in die Situa­tion hin­ein­ver­set­zen und die Person daran erin­nern, dass Fehler mensch­lich sind.

Mach dir bewusst, dass du genauso viel Wohl­wol­len und Nach­sicht ver­dient hast, wie deine Liebs­ten. Das Selbst­mit­ge­fühl zu trai­nie­ren, ist also eine gute Übung, um im Ernst­fall einem ande­ren Men­schen zur Seite zu stehen. Ohne Leid, aber dafür mit ganz viel Liebe. 

Zitat: The suf­fe­ring itself is not so bad; it’s the resent­ment against suf­fe­ring that is the real pain.“ — Allen Gins­berg

Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


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Bild: Andrea Tum­mons auf Uns­plash