Bild und Text von Mat­hilde Schmidt-Rhen

Klick, klick, klick – und ehe man sich’s ver­sieht, ist der Spei­cher schon wieder voll. Meist folgen qual­volle Minu­ten, in denen man durch die unzäh­li­gen Sel­fies scrollt und den besten Schuss her­aus­fil­tert. Filter, Sti­cker, Emojis, viel­leicht noch ein knal­li­ger Schrift­zug und schon sind kleine Mängel gekonnt kaschiert. Wer nimmt sich schon Zeit, für ein ein­zel­nes Foto, wenn man ohne viel Auf­wand zehn wei­tere schie­ßen kann? Schät­zun­gen zufolge werden jedes Jahr 1,2 Bil­lio­nen Fotos gemacht! So ent­ste­hen heute in zwei Minu­ten mehr Fotos, als im gesam­ten 18. Jahr­hun­dert geschos­sen wurden. 

Es ist nicht lange her, da war Foto­gra­fie ein echtes Hand­werk. Durch moderne Tech­nik und nicht zuletzt unser Smart­phone kann inzwi­schen jeder kur­zer­hand zum Foto­gra­fen werden. Das Werk­zeug dazu haben wir jeder­zeit in der Tasche. Aber reicht das schon, um wirk­lich gute Fotos zu schie­ßen? Wir zeigen dir, wie du mit weni­ger Fotos zur bes­se­ren Moment­auf­nahme gelangst.

Selfie-Kultur damals und heute

Medi­en­wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Mar­burg haben fest­ge­stellt, dass Sel­fies kein tem­po­rä­rer Hype sind, son­dern eine beach­tens­werte, kul­tu­relle Praxis”. Das belieb­teste Motiv der Kamera ist also deren Besit­zer. Und das nicht erst seit heute. Die ersten Sel­fies wurden bereits im 18. Jahr­hun­dert geschos­sen und waren eine echte Gedulds­probe. Der Pro­zess des Foto­gra­fie­rens dau­erte anfangs meh­rere Stun­den (was übri­gens auch der Grund ist, warum
man auf sehr alten Fotos selten lächelnde Men­schen sieht). 

Obwohl – oder gerade weil – wir heute unzäh­lige Mög­lich­kei­ten haben, Fotos zu schie­ßen und im Hand­um­dre­hen zu bear­bei­ten, hat die Wert­schät­zung für das ein­zelne Bild stark abge­nom­men. Dabei lohnt es sich, einen Schritt zurück zu gehen und die Welt aus den Augen eines Foto­gra­fen zu betrach­ten. So kann sich die Magie des Motivs erst so rich­tig ent­fal­ten. Plötz­lich wird das Schlen­dern durch alt­be­kannte Parks und Stra­ßen zu einem fas­zi­nie­ren­den Ereig­nis und die Topf­pflanze zum kom­ple­xen Biotop. Wenn du dann deine Kamera raus­holst und dich ganz auf eine Sache fokus­sierst, machst du das Foto­gra­fie­ren neben­bei zur krea­ti­ven Acht­sam­keits­übung.

Mit Acht­sam­keit zu bes­se­ren Fotos:
7Mind kos­ten­los star­ten


Acht­sam­keit schu­len mit der Smart­phone-Kamera

Wie spie­gelt sich das Licht auf dem See? Wel­chen Effekt hat die Wärme der Abend­sonne auf die Sze­ne­rie? Was für zau­ber­hafte Nacht­bil­der lassen sich schie­ßen, wenn man die Ver­schluss­zeit auf 15 Sekun­den ein­stellt und so ganze Geschich­ten in einem Foto ent­ste­hen lässt?

Beschäf­tigt man sich einmal mit dem Thema, so fallen einem viele Par­al­le­len
zur Medi­ta­tion auf. Beide Prak­ti­ken, Foto­gra­fie und Acht­sam­keits­trai­ning, schär­fen Beob­ach­tungs­ver­mö­gen und helfen so, glei­che Motive, je nach Blick­win­kel und Ein­stel­lung, unter­schied­lich wahr­zu­neh­men. Beide ermun­tern einen dazu, neu­gie­rig und expe­ri­men­tier­freu­dig zu sein, die Posi­tion auch mal zu wech­seln und eine andere Sicht­weise ein­zu­neh­men. Beides trai­niert uns, objek­tiv und doch ein­fühl­sam zu sein und so die per­fekte Balance zu finden. Auf der einen Seite heißt das, die Kamera zu ver­ste­hen und je nach Licht­ver­hält­nis­sen das opti­male Gleich­ge­wicht zwi­schen Blen­den­öff­nung, Ver­schluss­zeit und ISO zu finden. Auch bei der Smart­phone-Kamera lassen sich Belich­tungs­wert, Weiß­ab­gleich und Farb­kon­traste manu­ell anpas­sen. Auf der ande­ren Seite geht es um die Balance zwi­schen Körper, Geist und Gefühls­welt, zwi­schen Wahr­neh­men, Fühlen und Han­deln.

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Photo by Vla­di­mir Kudi­nov on Uns­plash

Einige Grund­re­geln der Foto­gra­fie lassen sich erler­nen, wie zum Bei­spiel auf die Kom­po­si­tion zu achten, sich an foto­gra­fi­schen Leit­li­nien zu ori­en­tie­ren und einen Fokus­punkt zu finden. Was dem Bild am Ende jedoch den Aus­druck und seine Ein­zig­ar­tig­keit ver­leiht, ist die Per­sön­lich­keit des Foto­gra­fen. Ob Profi-Kamera oder Smart­phone, ver­such es doch einmal mit einer klei­nen Knips-Diät“ und finde heraus, wel­ches krea­tive Poten­zial in dir steckt.

Mit der Knips-Diät zu bes­se­ren Fotos

Foto­gra­fie­ren heute ist nicht mehr das Wech­sel­bad der Gefühle, wel­ches es für den Erfin­der der Foto­gra­fie Joseph Nicé­phore Niépce im Jahr 1826 gewe­sen sein muss. Nach sieben Stun­den gedul­di­ger Belich­tung hatte er end­lich geschos­sen und anschlie­ßend voller Neu­gierde und Bangen in der Dun­kel­kam­mer ver­harrt. Trotz­dem können wir uns ab und zu in diese Zeit zurück­zu­ver­set­zen, um uns an das Wesent­li­che zu erin­nern: Momente sind kost­bar. Und ver­die­nen unsere Acht­sam­keit.

Starte den Selbst­ver­such und geh auf Knips-Diät“! Ver­su­che, wäh­rend der kom­men­den sieben Tage nur drei Fotos zu schie­ßen. Nicht nur der Han­dy­spei­cher wird dabei Erleich­te­rung emp­fin­den, son­dern auch die Duck­face-Mus­ku­la­tur“. Am Ende wird es keinen über­quel­len­den Ordner voll nie wieder gesich­te­ter Schnapp­schüs­sen geben. Schieße ganz bewusst nur Fotos, die du selbst gerne aus­dru­cken, ein­rah­men, oder in einer Gale­rie anschauen wür­dest. Das sen­si­bi­li­siert dich für die Schön­heit der Umwelt und gibt jedem Bild eine beson­dere Bedeu­tung. Und wer weiß, viel­leicht fühlt es sich ja auch befrei­end an, das Handy bei dem nächs­ten Mit­tag­es­sen mal in der Tasche zu lassen und den Salat oder Burger ohne Filter zu genie­ßen.

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