Von Alexandra Gojowy

Wer Kinder beobachtet, kommt schnell zu dem Schluss, dass Selbstbewusstsein etwas ganz Natürliches ist. Die Selbstverständlichkeit, mit der junge Menschen dem Leben entgegentreten, scheint uns mit zunehmendem Alter jedoch verloren zu gehen. Kein Wunder, denn schließlich machen wir im Laufe des Lebens so einiges durch. Auf der einen Seite sind es die kleinen und großen Schicksalsschläge und Beziehungskrisen, die an unserem Selbstvertrauen nagen. Auf der anderen Seite die Ansprüche der Gesellschaft, die uns mit Perfektions- und Leistungsdruck vorantreibt. Selbstbewusstes Auftreten kann also eine echte Herausforderung sein, besonders dann, wenn wir uns mit Kritik oder negativem Feedback konfrontiert sehen.

Fakt ist, ein gesundes Selbstbewusstsein hilft uns dabei, den Herausforderungen des Lebens mutig entgegenzutreten. Egal ob erstes Date, Backpacking-Trip in Indien oder der Jobwechsel nach Jahrzehnten an einem Arbeitsplatz – wer sich auf unbekannte Situationen einlässt, braucht unbedingt das nötige Vertrauen in sich selbst, um den nächsten Schritt zu wagen. Leider werden wir als Erwachsene häufig selbst zu unseren größten Kritikern. Umso schwerer wird es, mit Kritik von außen umzugehen. Wie können wir uns negatives Feedback konstruktiv nutzen, um uns selbst bewusster zu werden? Antworten haben wir in der Psychologie gefunden. Und geben dir am Ende drei wertvolle Tipps, wie du besser mit Kritik umgehen kannst und dabei selbstbewusst bleibst.

Die Psychologie des Selbstbewusstseins

In unserem allgemeinen Verständnis, wird Selbstbewusstseins oft mit einem aufgeblasenen Ego gleichgesetzt. Dabei bedeutet Selbstbewusstsein per Definition nichts anderes, als sich seiner selbst bewusst zu sein. Und das ist in jedem Fall ein erstrebenswerter Seinszustand. In der Psychologie berücksichtigt das Konzept des Selbstbewusstseins sowohl die Stärken, als auch die Schwächen einer Person. Wenn du weißt, dass du kreativ bist, Führungsqualitäten hast oder sehr eigenständig arbeiten kannst, bist du dir deiner selbst bewusst. Wenn du dir eingestehst, dass du sehr introvertiert bist, zur Sturheit neigst oder bei Vorträgen oder Präsentationen schnell mal die Nerven verlierst, dann bist du ebenfalls “selbstbewusst”. Deine Schwächen genau zu kennen hat den großen Vorteil, dass du sie anschließend als Teil der eigenen Persönlichkeit akzeptieren kannst und nicht mehr versuchen musst, sie mit aller Kraft zu verstecken.

Kniffelig wird es, wenn sich die eigene Selbstwahrnehmung davon unterscheidet, wie andere uns sehen. Denn oft haben wir eine ganz eigene Vorstellungen davon, wie wir zu sein haben und welches Bild wir gerne abgeben möchten. Ein Bild, dass nicht selten in Konflikt mit unserem wahren Innenleben steht. Wie oft wünscht man sich, geduldig, genügsam oder verständnisvoll zu wirken, obwohl man enttäuscht ist und innerlich mit einem Wutausbruch kämpft? Schnell steckt das Selbst in einem ziemlich großen Widerspruch. Und verliert durch diese innere Spaltung im wahrsten Sinne des Wortes das Bewusstsein. Es klingt paradox, aber die größte Bedrohung für das Selbstbewusstsein sind tatsächlich wir selbst. Bevor wir mit Kritik von außen umgehen können, müssen wir also zunächst lernen, dem größten Kritiker von allen zu begegnen: den Stimmen in unserem eigenen Kopf.

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Dem inneren Kritiker begegnen

Sobald eine Jobabsage im E-Mail Postfach landet, formt sich bei vielen ein einziger Gedanke: “Ich bin nicht gut genug”, und selbst bei kleinen Missgeschicken ertönt sofort eine innere Stimme, die sich fragt “Wie kann man nur so blöd sein?”. Bei negativen Erfahrungen holen wir gerne die Keule raus und hauen nochmal richtig oben drauf. Dass dieses Vorgehen noch niemandem geholfen hat, wissen wir. Dennoch ist es immer wieder ein Kraftakt, dem inneren Kritiker Paroli zu bieten. Unser Vorschlag: Versuch es doch mal mit Selbstmitleid!

Zugegeben, dieser Tipp klingt etwas merkwürdig. Der amerikanische Psychologe Mark Leary, von der Wake Forest University in Winston-Salem (USA), konnte allerdings nachweisen, dass Menschen, die zu Selbstmitleid neigen, deutlich besser in der Lage sind, mit negativen Erlebnissen umzugehen. In einem seiner Tests sollten sich die Teilnehmer vorstellen, wie es sich anfühlen würde, einen wichtigen sportlichen Wettkampf zu verlieren. Die Überraschung: Probanden, die sich zu Beginn der Studie als sehr selbstbewusst eingeschätzt hatten, konnten nur schwer mit der Niederlage umgehen. Sie reagierten auf die Situation mit inneren Leitsätzen wie “Ich bin ein echter Verlierer”. Die restlichen Teilnehmer hatten zwar Selbstmitleid, begegneten sich aber eher wie einem guten Freund, indem sie sich Dinge sagten wie “Jeder macht mal einen Fehler”.

Selbstmitleid ist nicht dein Ding? Du kannst es auch Selbstmitgefühl nennen. Was würdest du einem Familienmitglied nach einem verlorenen Wettkampf sagen? Natürlich würdest du am ehesten versuchen, die geliebte Person mental wieder aufzubauen. Tu das Gleiche mit dir selbst und evaluiere die Situation dann noch einmal ganz nüchtern. Vielleicht bist du nicht an dein Ziel gekommen, weil du dir einfach zu viel vorgenommen hast. Vielleicht hast du dir den morgendlichen Kaffee über das Shirt gekippt, weil du den Tag hektisch begonnen hast. Oder es fehlt dir einfach an der inneren Ruhe und Gelassenheit, um den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Vergiss nicht, dass jeder Mensch Phasen der Produktivität und Passivität durchlebt. Manchmal fühlen wir uns energetisch und an anderen Tagen kommen wir kaum aus dem Bett, obwohl sich an unserem Alltag nichts besonderes verändert hat. Solltest du dem inneren Kritiker begegnen, schau also zunächst, wie es dir wirklich geht. Und fang an, unterstützend mit dir selbst zu sprechen!

3 Tipps, wie du dir Kritik zunutze machst

Sich für ein Missgeschick zu verdammen, schwächt das Selbstvertrauen zusätzlich und macht uns weniger aufnahmefähig für Kritik von Außen. Und die brauchen wir unbedingt, um zu wachsen und ein gesundes Bewusstsein für uns selbst zu entwickeln. Darum liefern wir drei Tipps, wie du dir Kritik von Außen zu nutze machen kannst, ohne dabei zu verzweifeln.

1. Kritik als Spiegel nutzen
Niemand hört gerne Kritik an der eigenen Person. Trotzdem sollten wir uns nicht gegen das Feedback unserer Umwelt verschließen. Aus der Achtsamkeitsforschung wissen wir, dass jeder Mensch sogenannte “Blinde Flecken” in der Selbstwahrnehmung aufweist. Auch die klassische Psychologie erachtet die Fremdperspektive als äußerst wertvoll. Von anderen lernen wir etwas über unsere eigene Wirkung, können unterschiedliche Perspektiven vergleichen und wichtige Hinweise auf unseren eigenen Charakter erhalten. So erhalten wir Zugang zu Wesenszügen, die wir nur selten oder nur ungern beleuchten.

Wie man es schafft, nicht an Kritik von außen zu verzweifeln? Im ersten Schritt ist es wichtig, seine unterschiedlichen Wesenszüge nicht mehr in “gut” und “schlecht” einzuordnen. Akzeptiere dich so wie du bist, denn jeder Mensch handelt ab und zu unbewusst und verletzt dabei auch mal eine andere Person. Wenn dich jemand auf dein verletzendes Verhalten hinweist, ist das ein wertvoller Spiegel, der dir zu mehr (Selbst-) Bewusstsein verhelfen kann.

2. Kritik aktiv einfordern
Natürlich sollte man jede Situation individuell bewerten. Kritik, die zu persönlich wird oder absichtlich verletzend formuliert ist, muss man sich nicht zu Herzen nehmen. Ein Tipp, um die eigene Kritikfähigkeit zu erhöhen: Feedback aktiv einfordern! Wenn du dir unsicher bist, ob du dich angemessen verhalten oder eine Aufgabe zufriedenstellend gelöst hast, bitte deine Mitmenschen um Feedback. Das kann im ersten Moment eine echte Überwindung sein, vor allem wenn es sich um schwierige Kollegen oder die Führungskraft handelt. Andererseits nimmst du Kritikern damit den Wind aus den Segeln und wirst eher konstruktive Verbesserungsvorschläge ernten, als auf Widerstand zu treffen.

3. Kritik wirklich aufnehmen
Der wichtigste Punkt ist, dass du achtsam zuhörst und nicht sofort auf das Gesagte reagierst oder allzu heftigen Handlungsimpulsen folgst. Schenke deinem Gegenüber deine vollste Aufmerksamkeit und hake nach, wenn dir etwas unklar ist. So fällt nichts unter den Tisch und du bist anschließend weniger geneigt, die Kritik noch einmal durch die eigene Interpretationsschleife zu jagen.

Nimm dir selbst die Freiheit, dich in all deinen Facetten kennenzulernen und nutze dein Umfeld als Quelle für die eigene Selbsterkenntnis und Weiterentwicklung. Und wenn dich Kritik doch mal ganz unerwartet trifft, mach dir bewusst, dass niemand perfekt ist. Versuche, positiv auf Kritik zu reagieren und mach sie dir eher zu nutze, als daran zu verzweifeln. Selbstbewusst zu sein bedeutet auch, verletzlich zu sein. Und das ist menschlich, also trau dich!

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(Bild: Mohamed Nohassi auf Unsplash)