von Alex­an­dra Gojowy

Weih­nach­ten ist eine Zeit, um zu genie­ßen, es sich gemüt­lich zu machen und ein­fach mal ganz lust­voll über die Stränge zu schla­gen. Im Glüh­wein mit Schuss schwim­men die Zimt­stan­gen, Kaffee trinkt man die Tage nur mit Sahne und Kara­mell-Syrup, aus der heißen Scho­ko­lade plop­pen die Mar­sh­mal­lows und neben einer Tüte mit kan­dier­ten Man­deln gibt es am Ende des Weih­nachts­markt-Besu­ches auch noch einen Crepe mit Nutella. Bei all dem fühlt man sich pudel­wohl, teilt den Schmaus mit Freun­den und schlen­dert ver­gnügt durch die win­ter­li­chen Stra­ßen seiner Hei­mat­stadt!

Klingt herr­lich und fast wie der Aus­schnitt eines Life­style-Maga­zins zur Advents­zeit. Aber stimmt die Idee vom unbe­schwer­ten Genuss über­haupt oder han­delt es sich dabei eher um ein Kli­schee, das höchs­tens auf Hoch­glanz­pa­pier gedruckt ein schö­nes Bild abgibt?

In der Tat ist die Weih­nachts­zeit für viele Men­schen eine schwie­rige Phase im Jahr. Ver­lo­ckun­gen gibt es viele, ebenso Anlässe, sich mit Freun­den, der Fami­lie oder Kol­le­gen zu tref­fen, um sich kol­lek­tiv der schö­nen Weih­nachts­stim­mung hin­zu­ge­ben. Für ein paar Wochen sollen die Kon­flikte ver­ges­sen sein, die Schwie­rig­kei­ten am Arbeits­platz, die Aus­ein­an­der­set­zun­gen inner­halb der Fami­lie. Wer an Weih­nach­ten anfängt, Pro­bleme anzu­spre­chen, hat anschlie­ßend ein noch grö­ße­res Pro­blem. Wer will sich schon mit unan­ge­neh­men Gefüh­len aus­ein­an­der­set­zen, wenn doch alles so herr­lich riecht und glit­zert?

Wenn aus Schlem­men Schuld wird

Dazu kommen noch Weih­nachts­fei­ern, das tra­di­tio­nelle Kekse-Backen, Niko­laus, Food-Fes­ti­vals und Advents­kaf­fee­trin­ken, die alle dazu ein­la­den, sich ein­fach mal gehen zu lassen und zu schlem­men. Was für viele gemüt­lich klingt, stellt manch andere vor eine große Her­aus­for­de­rung. Denn nur ein Stück Scho­ko­lade zu viel hat die Macht, regel­recht einen Schal­ter umzu­le­gen. Dahin ist die Stim­mung und das woh­lige Gefühl. Man hat gesün­digt und dann auch noch zu viel. Man wollte sich doch zusam­men­rei­ßen, dieses Weih­nach­ten mal nicht so viel naschen, Wil­lens­stärke bewei­sen, auch mal Nein” sagen. Ein Glück ist das Jahr bald vorbei, denn im neuen Jahr wird alles anders. Im neuen Jahr gibt es höchs­tens einen Cheat-Day im Monat. Grund genug, jetzt noch­mal so rich­tig zuzu­schla­gen!

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Was dann in Gang gesetzt wird, ist ein Kreis­lauf von Schuld­ge­füh­len und Selbst­ver­ur­tei­lung, der das ver­ur­teilte Ver­hal­ten sogar noch ver­stärkt. Beson­ders wenn es ums Essen geht, ver­fällt man dann in eine Letzte Abendmahl”-Mentalität. Die Folge: Aus Über­zeu­gung, dass man sich ab einem bestimm­ten Datum plötz­lich alle Lecke­reien ver­bie­ten wird, schlägt man noch­mal rich­tig zu — und isst viel­leicht sogar so viel, bis man unan­ge­nehm voll ist. Darauf folgen noch mehr Schuld­ge­fühle und sogar Trauer dar­über, angeb­lich dabei ver­sagt zu haben, seinen eige­nen Ansprü­chen zu genü­gen.

Dieser Arti­kel ist für alle Men­schen, die sich von den oben beschrie­be­nen Sze­na­rien ange­spro­chen fühlen. Euch sei gesagt: Es gibt einen ande­ren Weg. Ein Weg, der dabei helfen kann, aus der Selbst­ver­ur­tei­lung her­aus­zu­kom­men und die eige­nen Worte und Taten aus einer Per­spek­tive des Mit­ge­fühls zu betrach­ten.

Die Spra­che des Kör­pers

In der Theo­rie ist es gar nicht so schwer, denn die Spra­che des Kör­pers ist ein­fach. Dein Körper weiß, wann er Ruhe braucht. Er weiß, wann er satt ist und er weiß, welche Nah­rungs­mit­tel er wann gerne mag. Er bemerkt auch, wenn du dich in einer Situa­tion unwohl fühlst und sendet Signale, wenn dich jemand unfair behan­delt. Er weiß sogar, wann du die Wahr­heit sagst und wann du etwas aus­spricht, das eigent­lich nicht deinem Gefühl ent­spricht. Doch wie gehst du mit diesen feinen Infor­ma­tio­nen um, die dich aus deinem Innern errei­chen?

In dem Moment, wo du dich anpasst, am Kaf­fee­tisch mit deinen Ver­wand­ten sitzt, obwohl es einen Kon­flikt gibt oder mit Freun­den nach der Arbeit über den Weih­nachts­markt schlen­derst, obwohl du lieber nach Hause gefah­ren wärst, musst du die Spra­che deines Kör­pers unter­drü­cken. Und auch die Stimme, die dir sagt, dass es eigent­lich ein Pro­blem gibt, dass du eigent­lich gerade deine Ruhe brauchst oder gar keine Lust auf Gesell­schaft hast. Meist ist das schlechte Gewis­sen in solch einem Moment stär­ker. Vor allem an Weih­nach­ten möchte man die schöne Stim­mung nicht zer­stö­ren, nie­man­den ent­täu­schen und keinen Streit ent­fa­chen. Lieber bis zur nächs­ten Gele­gen­heit warten, Zeit für sich selbst kann man ja auch noch am Wochen­ende nehmen und ach, die Fami­li­en­pro­bleme sind nächs­tes Jahr bestimmt immer noch prä­sent.

Um die Situa­tion aus­zu­hal­ten, greift man gern auf eine ein­fa­che Methode zurück: Ver­drän­gung und Ent­schä­di­gung! Ver­drän­gen tut nicht gut. Aber wenn man dafür einen Keks, einen Glüh­wein oder ein zwei­tes Stück Kuchen essen kann, tut es nicht ganz so weh. Und ob! Denn die Schuld­ge­fühle, die aus diesem Ver­hal­ten ent­ste­hen, sind gegen einen selbst gerich­tet. Spä­tes­tens jetzt geht es gar nicht mehr um den Keks, son­dern dass er als Bewäl­ti­gungs­stra­te­gie für eine Situa­tion ein­ge­setzt wird, die man nicht gut aus­hal­ten kann. Und das tut sehr wohl weh. Denn statt dem nach­zu­ge­hen, was man wirk­lich fühlt, haut man noch­mal ordent­lich oben drauf. 

Schritt 1: Die Wahr­neh­mung stär­ken

Wann hast du dir das letzte Mal Zeit genom­men, um so rich­tig in deinen Körper zu kommen? Ihn rich­tig zu fühlen und atmen zu lassen? Die Hände auf deinen Bauch zu legen und lie­be­voll zu halten? Nicht zöger­lich, in der Hoff­nung das man dir die Weih­nachts­kekse nicht schon ansieht, son­dern voll und ganz, mit allen zehn Fin­gern?

Natür­lich kann man auch in den Körper kommen, wäh­rend man sich beim Sport ver­aus­gabt, ein Bad nimmt, Zeit mit dem Part­ner oder der Part­ne­rin ver­bringt. Wovon hier die Rede ist, ist aber ein stil­ler Moment, nur mit dir selbst. Du kannst deinen Körper sogar begrü­ßen, ihn fragen, was er dir sagen will. Es ist wie ein inne­rer Dialog mit dir selbst. Schau dir deinen Körper an und hör mit deinem inne­ren Ohr zu. Je öfter du diese Übung machst, desto stär­ker wirst du die Ver­bin­dung wahr­neh­men.

Da Weih­nach­ten eine Zeit der Ver­lo­ckung und der äuße­ren Reize ist, kann die natür­li­che Ver­bin­dung zu dem, was in dir vor­geht, schnell gekappt werden. Wenn du das Gefühl hast, dir geht der Kon­takt ver­lo­ren, dann richte deine Auf­merk­sam­keit ein­fach auf deinen Bauch. Ver­weile dort so lange, bist du das Gefühl hast, wieder bei dir ange­kom­men zu sein.

Die Signale des Kör­pers wahr­neh­men lernen:
7Mind kos­ten­los star­ten


Acht­sam­keits­übun­gen, wie bei­spiels­weise der Body Scan, sind eben­falls bes­tens geeig­net, um deinen Körper ken­nen­zu­ler­nen. Und das ist unglaub­lich wich­tig, wenn du in schwie­ri­gen Situa­tio­nen einen Weg­wei­ser brauchst. Eigent­lich gibt es nicht viel mehr zu tun, als den Signa­len des Kör­pers zu lau­schen und dir zu erlau­ben, ihnen nach­zu­ge­hen.

Schritt 2: Selbst­mit­ge­fühl statt –ver­ur­tei­lung

Mache dir in einem zwei­ten Schritt bewusst, dass eine Selbst­ve­r­utei­lung immer eine kleine Strafe ist, die du dir selbst auf­er­legst. Und oft kommt diese Strafe zu einem Zeit­punkt, an dem Mit­ge­fühl für dich selbst, deine Gedan­ken und Hand­lun­gen am nötigs­ten wären. Egal wie schlimm du deine Situa­tion oder Tat auch bewer­test, egal, ob es darum geht, dass du zu viel geges­sen oder einen Men­schen ent­täuscht hast — begegne dir selbst mit einer freund­li­chen Hal­tung.

Eine freund­li­che Hal­tung beginnt ein­fach nur damit, zu erken­nen, was du inner­lich mit dir tust. Und das kann ein wahrer Aha-Moment sein! Aha, ich kom­pen­siere gerade mit Essen. Aha, ich fühle mich schul­dig, wenn meine Bedürf­nis­sen aus­spre­che. Aha, es fällt mir schwer, mit meiner Fami­lie an einem Tisch zu sitzen. Aha, ich brau­che Zeit für mich und bin dem nicht nach­ge­gan­gen. Aha, ich habe ver­sucht es allen recht zu machen außer mir selbst. 

Ein Aha-Moment ist ein Augen­blick, in dem du freund­lich betrach­test, was du tust. Er ver­ur­teilt nicht, fragt nicht warum und sagt dir nicht, was du als nächs­tes machen sollst. Er macht dich ein­fach nur auf­merk­sam, mehr nicht. Bleibe in diesem Moment stehen und lass das Gedan­ken­ka­rus­sell anhal­ten. Mehr braucht es für den Anfang nicht. 

Selbst­mit­ge­fühl lässt sich nicht erzwin­gen. Wenn dir Selbst­ver­ur­tei­lung bekannt ist, wirst du nicht plötz­lich und über Nacht zu radi­ka­ler Selbst­liebe über­ge­hen. Lass dir Zeit und gönne dir so viele Aha-Momente, wie du brauchst. Selbst­mit­ge­fühl ist ein lebens­lan­ger Pro­zess, der dir viel über dich selbst und deine Denk­mus­ter ver­ra­ten wird. Sei acht­sam mit dir, deinem Körper und was er dir zu sagen hat. Es ist deine Spra­che, deine Kom­mu­ni­ka­tion mit dir selbst. Mache eine Ent­de­ckungs­reise daraus und du wirst sehen, wie du dir und dem Leben einen Schritt näher kommst.

Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


Acht­sam­keit im Alltag lernen
7Mind kos­ten­los star­ten


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