von Alex­an­dra Gojowy

Der Welt­ge­sund­heits­tag am 07. April beschäf­tigt sich jedes Jahr mit einem Gesund­heits­thema von glo­ba­ler Rele­vanz. Das Motto 2017: Depres­sion – Let’s Talk. Denn depres­sive Stö­run­gen sind Volks­krank­heit Nummer eins, und das nicht nur in Deutsch­land. Welt­weit leiden circa 300 Mil­lio­nen Men­schen dar­un­ter, Ten­denz stei­gend. Depres­sio­nen werden mitt­ler­weile breit dis­ku­tiert, oft in Zusam­men­hang mit dem Bur­nout-Syn­drom”. Andere psy­chi­sche Erkran­kun­gen hin­ge­gen sind in der öffent­li­chen Debatte unter­re­prä­sen­tiert. Und in der Folge noch stär­ker mit Vor­ur­tei­len belas­tet.

Panik­at­ta­cken, Zwangs­ge­dan­ken, Sucht­ver­hal­ten – Ange­hö­rige und Freunde von Betrof­fe­nen wissen oft nicht, wie sie damit umge­hen sollen, wenn sie Anzei­chen für eine see­li­sche Belas­tung bemer­ken. Denn diese Themen sind mit star­ken gesell­schaft­li­che Stig­mata belas­tet. Diese erschwe­ren nicht nur die Kom­mu­ni­ka­tion, son­dern führen bei den Betrof­fe­nen dazu, dass sie pro­fes­sio­nelle Hilfe erst sehr viel später in Anspruch nehmen. Am Bei­spiel Bur­nout wird deut­lich, wie schwie­rig es ist, mit den Sym­pto­men einer psy­chi­schen Erkran­kung zu leben. Schließ­lich ist der Mensch ist kein Smart­phone, das seinen Akku über Nacht zu 100% auf­la­den kann. Auch haben wir kein zer­sprun­ge­nes Dis­play, an dem jeder sofort able­sen kann, dass etwas nicht stimmt. Statt­des­sen wird ein­fach davon aus­ge­gan­gen, dass man funk­tio­niert.

Umso wich­ti­ger ist es, psy­chi­sche Erkran­kun­gen ins Bewusst­sein der Öffent­lich­keit zu rücken und vor allem dar­über zu spre­chen, wie Betrof­fe­nen am besten gehol­fen werden kann. Dazu gehö­ren neben pro­fes­sio­nel­ler Unter­stüt­zung auch Offen­heit und Tole­ranz im Umfeld und der Gesell­schaft als ganzer, um Aus­gren­zung und Stig­ma­ti­sie­rung zu ver­hin­dern. Dieser Arti­kel soll einen Bei­trag zur Auf­klä­rung leis­ten und das Ver­ständ­nis für psy­chi­sche Anders­ar­tig­keit” erhö­hen.

Aus­ge­grenzt und allein­ge­las­sen: Wieso Stig­mata so schäd­lich sind

Die Ergeb­nisse einer Bevöl­ke­rungs­um­frage zwi­schen 2001 und 2011 zeigen deut­lich, dass psych­ia­tri­schen Dia­gno­sen nega­tive Ste­reo­type anhaf­ten. Men­schen mit psy­chi­scher Dia­gnose werden oft anders wahr­ge­nom­men und mit uner­wünsch­ten Eigen­schaf­ten in Zusam­men­hang gebracht. Ein Label wie psy­chisch krank” führt dazu, dass indi­vi­du­elle Per­so­nen plötz­lich zu einer ein­zi­gen, irgend­wie frem­den Gruppe zusam­men­ge­fasst werden. Was viele nicht beden­ken: Wenn betrof­fene Men­schen auf­grund ihrer Erkran­kung dis­kri­mi­niert werden, ver­dop­pelt sich ihr Leid. Denn von da an kämp­fen sie nicht nur mit ihren Sym­pto­men, son­dern auch mit der Aus­gren­zung. Aus Angst vor dieser Aus­gren­zung ver­drän­gen viele ihre Sym­ptome, trauen sich nicht, Hilfe zu suchen, oder iso­lie­ren sich. 

Ein For­scher­team der Uni­ver­si­tä­ren Psych­ia­tri­schen Kli­ni­ken Basel (UPK) konnte bele­gen, dass die Bevöl­ke­rung psy­chisch Kranke für gefähr­li­cher hält als sie tat­säch­lich sind. Beson­ders Alko­hol­ab­hän­gige haben der Studie zufolge unter star­ken Vor­ur­tei­len zu leiden. So wird Alko­hol­kran­ken eine beson­ders hohe Gewalt­be­reit­schaft unter­stellt, obwohl Ver­hal­tens­stu­dien dies nicht bestä­ti­gen können. Men­schen, die unter Schi­zo­phre­nie leiden, haben mit ähn­li­chen Stig­mata zu kämp­fen. Das Akti­ons­bünd­nis See­li­sche Gesund­heit fand heraus, dass sie von der Gesell­schaft häufig als völlig unbe­re­chen­bar ein­ge­stuft werden. Als die Mutter der Foto­gra­fin Kirs­ten Becken an Schi­zo­phre­nie erkrankte, kam ihr die ernüch­ternde Erkennt­nis: In Deutsch­land findet sich mehr Unter­stüt­zung für Kat­zen­ba­bys und Fuß­ball.

Viele kennen den Satz Das ist ja schi­zo­phren” oder haben ihn umgangs­sprach­lich schon benutzt. Ohne zu beden­ken, wie ver­let­zend Halb­wis­sen und Vor­ur­teile sein können. Es besteht also Hand­lungs­be­darf, damit Betrof­fene sich nicht aus­ge­grenzt und allein­ge­las­sen fühlen. Sen­si­bi­li­tät und Auf­klä­rung sind gefragt

Sind wir nicht alle ein biss­chen aus­ge­brannt?

Ein Krank­heits­bild, das in der öffent­li­che Debatte weit­aus mehr Gehör findet, ist das Bur­nout-Syn­drom. Dem Bur­nout liegt eine Erschöp­fung zugrunde, mit der sich viele leich­ter iden­ti­fi­zie­ren können, als bei­spiels­weise mit dem Gefühl, schi­zo­phren zu sein. Doch gerade des­halb fehlt der Debatte zuwei­len die nötige Ernst­haf­tig­keit.

Stress und Erfolg gehö­ren für viele Men­schen zusam­men. Die Huf­fing­ton Post nennt in einem Arti­kel Über­las­tung das ulti­ma­tive Sta­tus­sym­bol unse­rer Zeit“. Ange­trie­ben durch die zuneh­mende Schnell­le­big­keit unse­rer Gesell­schaft, machen schon Schü­ler wäh­rend ihrer Ferien Prak­tika und Stu­den­ten statt eines langen Urlaubs doch lieber ein Aus­lands­se­mes­ter. In der Folge sind manche Berufs­ein­stei­ger schon so erschöpft, wie einst der 45-Jäh­rige Arbeit­neh­mer mit eige­ner Fami­lie.

Stress ist ein Mas­sen­phä­no­men, Bur­nout hin­ge­gen mehr als ein voller Ter­min­pla­ner oder das Gefühl, unter Zeit­druck zu stehen. Erschöp­fung, Gefühle von Dis­tan­ziert­heit und Wir­kungs­lo­sig­keit, sowie Pro­bleme im pri­va­ten Bereich können Anzei­chen für eine Bur­nout-Erkran­kung sein. Betrof­fene fühlen sich nicht nur über­for­dert, son­dern auch ihrer Vita­li­tät und Lebens­qua­li­tät beraubt. Wenn dieser Pro­zess mit Leis­tungs­ein­brü­chen im Berufs­le­ben ein­her­geht, wird die see­li­sche Belas­tung zusätz­lich erhöht. Ein Bur­nout sollte unbe­dingt ernst genom­men und the­ra­peu­tisch behan­delt werden. Auch um abzu­klä­ren, ob dem nicht eine Depres­sion zugrunde liegt. 

Die Ent­schei­dung, sich in the­ra­peu­ti­sche Behand­lung zu bege­ben, ist ein sehr muti­ger Schritt, der noch zu selten als sol­cher aner­kannt wird. Laut der Auto­rin und Medi­en­wirt­schaf­te­rin Miri­jam Franke, haben viele Angst, dass ihre Erkran­kung Job­chan­cen im Wege steht. In ihrem Text Psy­cho­the­ra­pie – Ein Stigma, das Kar­rie­ren rui­niert setzt sie sich kri­tisch mit dem Thema aus­ein­an­der. Der Weg zum The­ra­peu­ten bleibt oft ein pri­va­tes Geheim­nis. Da sich mitt­ler­weile immer mehr junge Men­schen in Behand­lung geben, wird es höchste Zeit, The­ra­pie nicht mehr als Tabu­thema zu behan­deln.

Aber was kann man tun, wenn man merkt, dass jemand aus dem nähe­ren Umfeld Hilfe benö­tigt? Wie kann man seine eige­nen Vor­ur­teile über­win­den und so auch etwas für sich selbst tun? Die Ant­wort lautet: Empa­thie.

Empa­thie: Erste Hilfe gegen Vor­ur­teile

Empa­thie, also die Fähig­keit, sich in andere Men­schen ein­zu­füh­len, kann man erler­nen. In Kon­takt zu treten, auch wenn es einem zunächst fremd erscheint, ist ein wich­ti­ger erster Schritt, um Raum für neue Erfah­run­gen zu schaf­fen. For­scher der Uni­ver­si­tät Zürich konn­ten zeigen, dass über­ra­schend posi­tive Erleb­nisse mit Frem­den einen Lern­ef­fekt im Gehirn aus­lö­sen, der dazu führt, dass sich unsere Empa­thie ins­ge­samt erhöht. Mehr zu dem Thema kannst du hier nach­le­sen. Stu­dien zum Thema Acht­sam­keit konn­ten außer­dem bele­gen, dass sich Medi­ta­tion beson­ders gut dafür eignet, die eigene Empa­thie zu stär­ken und mehr Mit­ge­fühl zu ent­wi­ckeln. So kann man psy­chi­scher Anders­ar­tig­keit offe­ner begeg­nen und Men­schen viel­leicht sogar dazu ermu­ti­gen, sich zu öffnen. 

Halt, Zuwen­dung und Empa­thie sind Grund­vor­aus­set­zun­gen, damit sich Men­schen mit psy­chi­schen Stö­run­gen öffnen können. Ver­mu­tet man, dass jemand im nahen Umfeld – etwa unter Freun­den, Fami­li­en­mit­glie­dern oder Kol­le­gen – betrof­fen ist, sollte man auf jeden Fall behut­sam darauf reagie­ren. Das bedeu­tet auch, dieser Person nicht gleich das Bier­glas aus der Hand zu reißen, wenn man eine Alko­hol­sucht ver­mu­tet. Viel­mehr geht es darum, ein Pro­blem­be­wusst­sein zu schaf­fen und vor­sich­tige Ich-Bot­schaf­ten” zu senden. Ich habe das Gefühl, dass…”, Ich mache mir Sorgen, weil…” sind nur zwei Bei­spiele. Sätze wie Das wird schon wieder” oder Lach doch mal” sind leider selten hilf­reich. Besser du infor­mierst dich erst einmal zu ver­schie­de­nen Krank­heits­bil­dern, zum Bei­spiel hier.

Beim kri­ti­schen Blick auf die Frage, wie psy­chi­sche Erkran­kun­gen in der Gesell­schaft wahr­ge­nom­men werden, wird deut­lich, wie viel Auf­klä­rungs­ar­beit noch geleis­tet werden muss. Auch wenn die Offen­heit gegen­über diesen Themen steigt, ver­schwin­den exis­tie­rende Vor­ur­teile nur lang­sam. Doch mit mehr Acht­sam­keit für sich selbst und andere, für Bar­rie­ren und Bedürf­nisse, kann jeder von uns dazu bei­tra­gen, Stig­mata abzu­bauen und Betrof­fe­nen zu mehr gesell­schaft­li­cher Akzep­tanz zu ver­hel­fen. Denn jeder von uns kann einmal in eine Situa­tion kommen, in der Hilfe gefragt ist – ob per­sön­lich oder im nächs­ten Umfeld. 


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