von Helena Pabst und Alex­an­dra Gojowy

Viele von uns wach­sen mit dem Wunsch nach Erfolg auf. Mit der dif­fu­sen Vor­stel­lung von einer fernen Zukunft, in der wir die Kar­rie­re­lei­ter erklom­men und all unsere Ziele erreicht haben. Was genau diese Ziele sind, was am Ende der Kar­rie­re­lei­ter liegen soll und wie es uns auf dem Weg dort­hin geht, hin­ter­fra­gen wir erst einmal nicht. Wir haben Erkennt­nisse aus Psy­cho­lo­gie und Öko­no­mie gesam­melt, die span­nende Denk­an­stöße lie­fern zum Zusam­men­hang zwi­schen Zielen, Erfolg und Glück. 

Ziele: Die Kluft zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit

Ziele können uns moti­vie­ren, ein akti­ves, erfüll­tes Leben zu führen, uns zu ent­fal­ten und Erfolgs­er­leb­nisse zu sam­meln. Wenn wir sie denn rich­tig wählen. Ste­cken wir uns zu hohe Ziele erzeu­gen wir jedoch unwei­ger­lich Frus­tra­tion und Unzu­frie­den­heit, wie eine neue Unter­su­chung empi­risch belegt.

In einer umfang­rei­chen Studie zum Thema Lebens­zu­frie­den­heit unter­such­ten die ita­lie­ni­schen Öko­no­men Marco Ber­toni und Luca Coraz­zini den Zusam­men­hang zwi­schen zwei Fragen: Wie zufrie­den sind Sie der­zeit mit Ihrem Leben ins­ge­samt?” Und: Wie zufrie­den, denken Sie, werden Sie in fünf Jahren sein?” Als Grund­lage diente ihnen das Sozio-öko­no­mi­sche Panel” des Deut­schen Insti­tuts für Wirt­schafts­for­schung, eine umfang­rei­che jähr­li­che Befra­gung mit über 20.000 Teil­neh­mern.

Über zwölf Jahre hinweg sam­mel­ten die Wis­sen­schaft­ler Erkennt­nisse über die Erfolge und Ent­täu­schun­gen der Befrag­ten. Ergeb­nis: Men­schen, die ihre eige­nen Erwar­tun­gen und Ziele nicht erfül­len, sind signi­fi­kant unzu­frie­de­ner. Es sei der Graben zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit, der unzu­frie­den macht, so Ber­toni und Coraz­zini. Doch selbst erfolg­rei­che” Men­schen sind den For­schern zufolge nicht auf Dauer zufrie­den. Denn die Freude über die erreich­ten Ziele hält nicht lange an. Kaum ist etwas erreicht, setzen wir uns neue, noch höhere Ziele. Der soge­nannte Refe­renz­punkt ver­schiebt sich und es ent­steht neue Unzu­frie­den­heit. Wunsch und Wirk­lich­keit liegen wieder aus­ein­an­der – ein Effekt, den Sozio­lo­gen als Selbst­dis­kre­panz” bezeich­nen.

Letzt­lich iden­ti­fi­zier­ten die For­scher in ihrer Unter­su­chung eine ganz ein­fa­che Formel für ein zufrie­de­nes Leben: Setzen Sie sich keine uner­reich­ba­ren Ziele. Hängen Sie die Latte nicht zu hoch.” 

Wieso wir arbei­ten

Beruf­li­cher Erfolg ist eben nicht alles”, fügt Ber­toni hinzu. Aber ist ein erfüll­tes Berufs­le­ben nicht trotz­dem ein wich­ti­ger Faktor für ein zufrie­de­nes Leben? Abso­lut. Doch dafür muss Arbeit neu gedacht werden”, wie der Psy­cho­loge Barry Schwartz in seinem Buch Why we work” dar­legt.

Unsere Wirt­schafts­welt basiere noch immer auf den Gedan­ken klas­si­scher Öko­no­men wie Adam Smith und Fre­de­rick Taylor, erläu­tert Schwartz, – den Urvä­tern der Arbeits­tei­lung und Fließ­band­pro­duk­tion. Diese Denker gingen davon aus, dass Men­schen aus­schließ­lich arbei­ten, um Geld zu ver­die­nen. Ohne mate­ri­elle Anreize würden sie nichts tun, Sinn oder Erfül­lung spiel­ten keine Rolle. Dieses Men­schen­bild war schließ­lich die Grund­lage für Arbeits­tei­lung, Fließ­band­ar­beit und Indus­tria­li­sie­rung. Anstatt ein ganzes Pro­dukt her­zu­stel­len, führ­ten Arbei­ter nur noch repe­ti­tive Ein­zel­schritte in der Kette aus, um die Pro­duk­ti­vi­tät zu maxi­mie­ren. Prin­zi­pien, die unsere Berufs­welt bis heute prägen. 

Die Annahme, dass Men­schen nur um des Geld­ver­die­nens willen arbei­ten, habe letzt­lich zu einer Arbeits­welt geführt, in der Tätig­kei­ten so von ihrem Sinn ent­kop­pelt sind, dass sich Men­schen tat­säch­lich nur noch über Geld moti­vie­ren können – eine self-ful­fil­ling pro­phecy”. Aus der Vor­stel­lung heraus, dass die mensch­li­che Natur auf Erfolg und Profit aus­ge­legt ist, wurde ein System geschaf­fen, wel­ches Geld und Beloh­nung in den Vor­der­grund stellt, so Schwartz. In der Folge seien fast 90 Pro­zent der Men­schen von ihrer Arbeit frus­triert. Zu diesem Ergeb­nis kam eine Unter­su­chung des Umfra­ge­insti­tuts Gallup unter 25 Mil­lio­nen Beschäf­tig­ten in 189 Län­dern.

Doch in einer Zeit, in der die Gene­ra­tion Y” die Berufs­welt über­nimmt, funk­tio­niert Geld allein als Moti­va­tor nicht mehr. Imma­te­ri­elle Werte wie Sinn, Freude, per­sön­li­che Ent­fal­tung und zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen spie­len für die Wahl des Arbeit­ge­bers eine immer grö­ßere Rolle. Eine Ent­wick­lung, die die bewähr­ten Prin­zi­pien des Wirt­schafts­le­bens vor große Her­aus­for­de­run­gen stellt, denn die meis­ten Arbeit­ge­ber ope­rie­ren noch immer nach den Maxi­men der Effi­zi­enz und der mone­tä­ren Anreize. Für Schwartz ist dieses Umden­ken jedoch essen­ti­ell. Denn imma­te­ri­elle Werte spie­len seinen Erkennt­nis­sen zufolge eine wesent­lich grö­ßere Rolle für die Zufrie­den­heit im Berufs­le­ben und das Glücks­emp­fin­den als mate­ri­elle.

7Mind kos­ten­los star­ten



TED-Talk Berry Schwartz: The Way We Think About Work Is Broken


Was uns wirk­lich glück­lich macht

In der bis­lang lang­jäh­rigs­ten Studie zum Thema Glück beglei­te­ten Wis­sen­schaft­ler der Uni­ver­si­tät Har­vard die Teil­neh­mer mehr als 75 Jahre lang, um zu unter­su­chen, was ein gesun­des und glück­li­ches Leben aus­macht. Selbst John F. Ken­nedy war unter den Teil­neh­mern der Studie, die 1930 mit 268 männ­li­chen Pro­ban­den begann. 

Wenig über­ra­schend gaben die meis­ten zu Beginn der Unter­su­chung an, nach Geld, Erfolg und Berühmt­heit zu stre­ben. Doch nicht die reichs­ten, erfolg­reichs­ten und berühm­tes­ten Teil­neh­mer waren letzt­lich am zufrie­dens­ten. Ein ganz ande­rer, uner­war­te­ter Faktor spielte die größte Rolle: Die Bezie­hun­gen zu ihren Mit­men­schen. Dabei ging es nicht um die Menge oder die Art der Bezie­hun­gen – ob ver­hei­ra­tet oder Single – son­dern einzig um die Qua­li­tät der Bezie­hung. Am glück­lichs­ten waren die­je­ni­gen, die enge, posi­tive Bezie­hun­gen in ihrem Leben hatten. Ein ein­zi­ger wirk­lich enger Freund kann nach Ansicht der For­scher mehr zu Glück und Gesund­heit bei­tra­gen als Sport, Ernäh­rung oder Wohl­stand.

Wieso Glück erfolg­reich macht – und nicht umge­kehrt

Rea­lis­ti­sche Ziele, eine sinn­volle Arbeit und enge Bezie­hun­gen sind also aus­schlag­ge­bend für ein zufrie­de­nes Leben. Aber was ist nun mit dem Erfolg? Heißt das, wir müssen alle glück­li­che Loser” sein? 

Nein. Denn glück­li­cher­weise sitzen wir mit der übli­chen Kette Harte Arbeit — Erfolg — Glück” einem Denk­feh­ler auf, wie Shawn Achor, Glücks­for­scher mit Abschluss an der Uni­ver­si­tät in Har­vard, aus­führt. Ein Gehirn in posi­ti­vem Zustand arbei­tet wesent­lich besser, konnte er in Unter­su­chun­gen bele­gen. Das heißt, Intel­li­genz, Krea­ti­vi­tät und Ener­gie­le­vel stei­gen bei glück­li­chen Men­schen signi­fi­kant an. Im posi­ti­ven Zustand ist das Gehirn 31 Pro­zent pro­duk­ti­ver. Ver­käu­fer stei­gern ihre Leis­tung um 37 Pro­zent. Ärzte arbei­ten 19 Pro­zent schnel­ler und akku­ra­ter, wenn ihr Gehirn in einem posi­ti­ven Zustand ist”, so Achor. 

In einer Welt, in der mög­lichst harte” Arbeit als Vor­aus­set­zung für Erfolg, Status und Glück gese­hen wird, können die meis­ten von uns jedoch gar nicht auf unsere vollen Kapa­zi­tä­ten zugrei­fen. Denn posi­tiv gestimmt sind wir bei dieser Arbeit nicht. Jedes Mal, wenn das Gehirn einen Erfolg ver­bucht, wird die Latte danach höher gehängt: Du hast gute Noten bekom­men, jetzt musst du bes­sere Noten bekom­men. Du hast deine Ver­kaufs­ziele erreicht, jetzt werden sie erhöht”, so Achor. Die oben genann­ten zu hohen Ziel­set­zun­gen stehen damit nicht nur der Zufrie­den­heit im Weg, son­dern auch der Leis­tung. Wenn Glück auf der ande­ren Seite von Erfolg steht, wird das Gehirn nie dort­hin gelan­gen. Wir als Gesell­schaft haben Glück über unse­ren geis­ti­gen Hori­zont hin­aus­ge­scho­ben, weil wir glau­ben, dass wir erfolg­reich sein müssen, um glück­lich zu sein. Unser Gehirn arbei­tet jedoch genau anders herum.”

Als Weg, um das Gehirn umzu­pro­gram­mie­ren, nennt Achor eine klas­si­sche Acht­sam­keits­übung: Drei gute Dinge. Wer 21 Tage in Folge jeweils drei Dinge auf­schreibt, die an dem Tag beson­ders posi­tiv waren, kann sein Gehirn darin schu­len, das Posi­tive stär­ker wahr­zu­neh­men. Und damit Leis­tungs­fä­hig­keit und Zufrie­den­heit zugleich erhö­hen.

Ted-Talk Shawn Achor: The Happy Secret to Better Work


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