Von Fran­ziska Block

Wer kennt es nicht — das dritte geklaute Fahr­rad in zwei Wochen, die fünfte schlechte Note in Folge oder andau­ern­der Reno­vie­rungs­stress im neuen Haus. Jeder Mensch macht im Laufe des Lebens eine Phase durch, in der es mehr ab als auf geht und die einen total depri“ werden lässt. Aus medi­zi­ni­scher Sicht sollte eine solche Aus­sage jedoch mit Vor­sicht genos­sen werden, denn: eine Depres­sion ist eine ernste Krank­heit, die schwer­wie­gende Aus­wir­kun­gen auf Körper und Psyche der Betrof­fe­nen haben kann und medi­ka­men­tö­ser und psy­cho­the­ra­peu­ti­scher Behand­lung bedarf.

In diesem Arti­kel erfährst du mehr über die Sym­ptome, Aus­wir­kun­gen und The­ra­pie­me­tho­den von Depres­sio­nen. Außer­dem zeigen wir, wie Acht­sam­keit helfen kann, einen offe­nen und acht­sa­men Umgang mit Erkrank­ten und Ange­hö­ri­gen zu kul­ti­vie­ren.

Depres­sio­nen erken­nen

Eine Depres­sion ist nichts Ver­werf­li­ches, über das nur hinter geschlos­se­ner Tür gere­det werden sollte. Neu­este Stu­dien haben gezeigt, dass jeder fünfte Deut­sche im Laufe des Lebens einmal oder mehr­fach an einer Depres­sion erkrankt. Wenn also ein Mensch in deinem Umfeld oder du selbst an einer Depres­sion leidet, ist das kein son­der­ba­rer Ein­zel­fall, son­dern eine Volks­krank­heit, die in der heu­ti­gen Zeit jeden tref­fen kann und immer häu­fi­ger dia­gnos­ti­ziert wird. 

Durch man­gelnde Auf­klä­rung und fal­sche Ste­reo­type, haben viele Erkrankte den­noch Angst vor einer Stig­ma­ti­sie­rung und scheuen sich vor gesell­schaft­li­chen Folgen einer Behand­lung oder Offen­le­gung vor ihren Mit­men­schen.

Des­we­gen möch­ten wir diese Woche dar­über spre­chen, wie dir Acht­sam­keit dabei helfen kann, dich selbst und deine depres­si­ven Gedan­ken oder auch einen depres­si­ven Men­schen in deinem Umfeld kennen und akzep­tie­ren zu lernen. Wir finden, es ist Zeit, Depres­sio­nen aus der Tabu­zone zu holen und Den­je­ni­gen, die in irgend­ei­ner Form von einer Depres­sion betrof­fen sind, dabei zu helfen, neuen Mut zu schöp­fen und einen acht­sa­men Umgang mit dieser Erkran­kung zu lernen.

Depres­sion ist mehr als nur ein schlech­ter Tag

Keiner mag sie: graue Tage, an denen alles schief­geht, das Wetter einem einen Strich durch die Rech­nung macht und alleine das Auf­ste­hen schwer­fällt. Die Moti­va­tion geht flöten, all­täg­li­che Auf­ga­ben blei­ben links liegen und es gibt gefühlt Nichts, worauf man sich in einem sol­chen Stim­mungs­tief freuen kann.

Solche Stim­mungs­schwan­kun­gen sind jedoch nicht direkt eine Depres­sion und damit behand­lungs­be­dürf­tig. Es ist wich­tig, eine kurz­zei­tige Trüb­se­lig­keit von der ernst­zu­neh­men­den Krank­heit Depres­sion abzu­gren­zen. Da die Über­gänge jedoch meist flie­ßend sind und kleine Ereig­nisse als Aus­lö­ser gese­hen werden können, gibt es bestimmte Kri­te­rien, die für die Dia­gnose Depres­sion spre­chen, wenn sie über einen län­ge­ren Zeit­raum (zwei bis drei Wochen) vor­han­den sind.



Ruhe und Kraft finden durch Acht­sam­keit:
7Mind kos­ten­los star­ten


Oft­mals gehen Depres­sio­nen mit star­ker Nie­der­ge­schla­gen­heit, Antriebs­man­gel und Freud­lo­sig­keit einher. An Depres­sion erkrankte Men­schen haben zumeist ein beein­träch­tig­tes Selbst­wert­ge­fühl und Selbst­ver­trauen und schrei­ben sich selbst die Schuld an nega­ti­ven Ereig­nis­sen zu. Außer­dem können kör­per­li­che Anzei­chen wie schnelle Ermü­dung, Kon­zen­tra­ti­ons- und Schlaf­stö­run­gen oder auch Appe­tit­min­de­run­gen auf­tre­ten.

Da jeder Mensch in seiner Ein­zig­ar­tig­keit und per­sön­li­chen Situa­tion unter­schied­lich ist, kann man diese Sym­ptome natür­lich nicht eins zu eins über­tra­gen. Die Depres­sion kann sich in ihren Sym­pto­men bei ver­schie­de­nen Betrof­fe­nen ganz unter­schied­lich äußern und ist genau des­we­gen oft­mals schwer zu erken­nen. Auch, wenn viele Bera­tungs­por­tale erste Selbst­tests anbie­ten, ist es ratsam, sich pro­fes­sio­nelle Hilfe bei einem Exper­ten zu holen, der eine indi­vi­du­elle Dia­gnose stel­len kann.

Acht­sam­keits­trai­ning als Ergän­zung zu Phar­ma­ko­the­ra­pie

Viele Ärzte ver­schrei­ben Anti­de­pres­siva oder ähn­li­che Medi­ka­mente, um das nega­tive Gedan­ken­ka­rus­sell einer Depres­sion zu stop­pen und ein Rück­fall­ri­siko zu min­dern. Immer mehr Men­schen möch­ten sich jedoch nicht mehr nur medi­ka­men­tös behan­deln lassen und inter­es­sie­ren sich auch für alter­na­tive The­ra­pie­me­tho­den.

Beson­ders gefragt ist dabei die soge­nannte Mind­ful­ness-Based Cogni­tive The­rapy (MBCT), zu Deutsch: Acht­sam­keits­ba­sierte kogni­tive The­ra­pie — ein psy­cho­the­ra­peu­ti­sches Ver­fah­ren, das ver­schie­dene Acht­sam­keits­me­di­ta­tio­nen mit dem acht­sam­keits­ba­sier­ten Stress­re­duk­ti­ons­pro­gramm nach Jon Kabat-Zinn kom­bi­niert.

Das Grup­pen­trai­ning der MBCT will Acht­sam­keit und Bewusst­sein in der Gedan­ken­welt der Betrof­fe­nen kul­ti­vie­ren. In Zeiten der Rück­fall­ge­fahr kann das helfen, kör­per­ei­gene Signale schnel­ler zu erken­nen und besser auf diese reagie­ren zu können.
Neu­este Stu­dien haben erge­ben, dass MBCT einem Rück­fall ebenso gut ent­ge­gen beugen kann wie das Ein­set­zen von Anti­de­pres­siva.

Durch Acht­sam­keit Abstand gewin­nen

Wer Acht­sam­keit trai­niert, lernt, ein Bewusst­sein für den eige­nen Körper, die eige­nen Gefühle und Gedan­ken­flüsse zu ent­wi­ckeln und Signale recht­zei­tig wahr­zu­neh­men. So trai­niert man, dass nega­tive Gedan­ken und Emo­tio­nen ein natür­li­ches Phä­no­men sind und immer wie­der­keh­ren, es aber mög­lich ist, sich mit der rich­ti­gen Acht­sam­keits­tech­nik davon zu lösen. Anstatt sich der Abwärts­spi­rale hilf­los zu erge­ben, lernen Betrof­fene, ihre Gefühle im Hier und Jetzt wahr­zu­neh­men und zu akzep­tie­ren. Durch medi­ta­tive Acht­sam­keits­übun­gen können sie Abstand zu den trüb­se­li­gen Gedan­ken und Emo­tio­nen gewin­nen und diesen mit einer ande­ren Hal­tung gegen­über treten.

Innere Ruhe durch Medi­ta­tion

Oft­mals gehen Depres­sio­nen mit einem Gefühl von Angst­zu­stän­den oder regel­rech­ter Panik einher. Eine der häu­figs­ten Reak­tio­nen ist die Flucht, Unter­drü­ckung oder der offene Kampf gegen die Angst. Dadurch ver­fes­ti­gen sich Angst­mus­ter jedoch nur und schrän­ken den Betrof­fe­nen lang­fris­tig immer weiter ein.

Medi­ta­ti­ons­übun­gen können depres­siv Erkrank­ten helfen, zu lernen, mit dieser Angst zu leben und trotz Wellen der Panik und Hoff­nungs­lo­sig­keit wei­ter­zu­ma­chen. Metho­den der Acht­sam­keit geben ihnen dabei die Mög­lich­keit, zurück zur inne­ren Ruhe zu finden und sich nicht weiter über ihre Angst­zu­stände zu iden­ti­fi­zie­ren.

Acht­sa­mer Zugang für Ange­hö­rige

Doch nicht nur depres­siv Erkrankte, son­dern auch Ange­hö­rige und Freunde können durch Acht­sam­keit und medi­ta­tive Übun­gen eine Mög­lich­keit finden, mit dieser belas­ten­den Situa­tion umzu­ge­hen. Einen gelieb­ten Men­schen so trau­rig, antriebs­los und geschla­gen zu erle­ben, ver­setzt viele Ange­hö­rige in eine Gefühls­lage der Hilf­lo­sig­keit, Frus­tra­tion oder des Ärgers. Vor allem bei langen depres­si­ven Phasen wird auch das soziale Umfeld fest­stel­len, dass es zuneh­mend erschöpft und über­las­tet ist, da viele all­täg­li­che Auf­ga­ben von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen und Freun­den erle­digt werden.

Gerade in sol­chen Zeiten ist es immens wich­tig, trotz des Lei­dens der ande­ren Person an sich selbst zu denken. Acht­sam­keits­übun­gen helfen, den Fokus zurück zu sich zu brin­gen, von vor­schnel­len Hand­lun­gen oder Bewer­tun­gen abzu­las­sen und schult in diesem Zuge die Geduld — mit sich selbst, als auch mit der Gesamt­si­tua­tion und der depres­siv erkrank­ten Person. Wer sich Zeit für medi­ta­tive Ein­hei­ten nimmt, lernt so, auf seinen eige­nen Körper und die eigene See­len­welt zu hören und die Gren­zen der eige­nen Belast­bar­keit zu erken­nen.

Es ist voll­kom­men okay, trotz eines depres­si­ven Part­ners, Freun­des, Opas oder einer depres­si­ven Schwes­ter an sich selbst zu denken. Genauer gesagt ist es unab­ding­bar, sich selbst nicht aus den Augen zu ver­lie­ren und trotz­dem etwas Gutes für sich zu tun. Egal, ob es ein Spa­zier­gang im Park, ein Kaf­fee­klatsch unter Freun­den oder ein Gang ins Kino ist, darf und sollte man als Ange­hö­ri­ger gute Momente durch­le­ben und Abstand gewin­nen können.
Nur so kann man die Kraft, das Mit­ge­fühl und die Aus­dauer auf­brin­gen, um die erkrankte Person unter­stüt­zen zu können.

Acht­sam­keit als Ergän­zung zur ärzt­li­chen The­ra­pie­rung

Natür­lich werden Acht­sam­keits­übun­gen im Allein­gang keine Depres­sio­nen linden. Mit einer Depres­sion oder einem depres­siv erkrank­ten Men­schen im Umfeld leben zu lernen, ist ein langer Weg, der alles andere als leicht ist. In Ergän­zung zu einer guten, ärzt­li­chen Betreu­ung, die in jedem Fall bedeut­sam ist, und einem gedul­di­gen, lie­be­vol­len Umfeld kann Acht­sam­keit jedoch sowohl den Betrof­fe­nen als auch Ange­hö­ri­gen ein wenig Licht in dunkle Phasen brin­gen. Wer sich der Welt der Acht­sam­keit offen zeigt und gewillt ist, seinen Alltag trotz schwie­ri­ger Umstände acht­sam zu gestal­ten, kann so den Umgang mit nega­ti­ven Gedan­ken, Emo­tio­nen und Ängs­ten lernen und auch in stür­mi­schen Zeiten eine gewisse innere Ruhe bewah­ren.

Für mehr Infor­ma­tio­nen und erste Bera­tung möch­ten wir euch fol­gende Anlauf­stel­len ans Herz legen:

deut​sche​-depres​si​ons​hilfe​.de
depres​si​ons​liga​.de
ifight​de​pres​sion​.de
tele​fon​seel​sorge​.de

Die Pod­cast­folge zum Impuls der Woche:


Kraft finden mit Acht­sam­keit:
7Mind kos­ten­los star­ten


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Bild: Annie Spratt auf Uns­plash