von Alex­an­dra Gojowy

Von Thigh Gaps” über Hip Dips”, im Inter­net kur­sie­ren die skur­rils­ten Beauty Trends. Dabei werden die unter­schied­lichs­ten Kör­per­re­gio­nen ins Visier genom­men und atta­ckiert. Schon junge Mäd­chen ver­su­chen, ihr angeb­li­ches Muffin Top” mit weiter Klei­dung zu kaschie­ren. Warum sie das über­haupt sollen, erklä­ren ver­meint­li­che Fit­ness-Kory­phäen auf Ins­ta­gram. Der natür­lich gege­bene Körper ist ein­fach nie glatt, straff und fit genug.

Die Medien sug­ge­rie­ren, dass der per­fekte Körper” exis­tiere. Eine ganze Indus­trie baut darauf auf, dass Schön­heit ein Ziel aber nie­mals ein natür­li­cher Zustand ist. Wohl­be­fin­den und Kör­per­wahr­neh­mung leiden unter dem Druck, diesem Ideal zu ent­spre­chen. Wie ent­steht diese künst­li­che Per­fek­tion und wo wird sie ver­brei­tet? Vom Mode­ma­ga­zin bis Ins­ta­gram, wir haben uns in der moder­nen Medi­en­land­schaft umge­se­hen.

Ide­al­bil­der aus dem Com­pu­ter

Beauty-Tipps und Fit­ness Trends finden Mann und Frau mitt­ler­weile in jedem Maga­zin. Die Cover ver­spre­chen dabei vieles, außer der Wahr­heit über natür­li­ches Aus­se­hen. Alle basie­ren sie auf dem glei­chen Motto: Du bist nicht gut genug. Anschlie­ßend werden dem Leser Pro­dukte prä­sen­tiert, mit denen man die angeb­li­chen Makel schnells­tens los wird. Ein wesent­li­ches Detail wird dabei aus­ge­blen­det: die ver­meint­li­che Per­fek­tion wird nur mit Hilfe von Bild­be­ar­bei­tung mög­lich. So gab Mode­gi­gant H&M zu, nicht nur per Pho­to­shop nach­zu­be­ar­bei­ten, son­dern für einige Anzei­gen sogar com­pu­ter­ge­ne­rierte Körper zu nutzen. Und einige Frau­en­ma­ga­zine bestehen zu sage und schreibe 85 Pro­zent aus Wer­bung.

Nor­male Kör­per­ei­gen­schaf­ten wie ein unebe­nes Haut­bild oder alters­be­dingte Falten werden zu Feh­lern oder Krank­hei­ten erklärt. Diese Tech­nik hat nur ein Ziel: ver­kau­fen. Wer braucht schon eine Anti-Aging Créme, wenn Altern als etwas Natür­li­ches ange­se­hen wird? Muss man dann noch anti sein? Zu faltig, zu dick, zu dünn. Haupt­sa­che, etwas stimmt mit uns nicht.

Dieses Prin­zip kennt weder Alter noch Geschlecht. So berich­tet Franz Lich­te­negger, Autor des Life­style Maga­zins Vice, von seinen per­sön­li­chen Erfah­run­gen. Lich­te­negger meint, dass media­les Body Shaming in unse­rer Gesell­schaft keinen Platz mehr haben darf. Vor allem aber macht er darauf auf­merk­sam, dass dieses Phä­no­men kein Frau­en­pro­blem sei und Männer glei­cher­ma­ßen unter Druck stün­den, immer attrak­tiv sein zu müssen. Mit den Aus­wir­kun­gen beschäf­tigt sich mitt­ler­weile auch die Wis­sen­schaft.

Kör­per­kult mit Folgen

Was wir auf den Covern der Maga­zine sehen, sind keine echten Men­schen. Es sind digi­tal erzeugte Ideale. Das ist des­halb so gefähr­lich, da diese Bilder trotz­dem Macht aus­üben. Nicht jede Män­ner­brust ist glatt und trai­niert. Dellen im Po sind kein Anzei­chen für Unsport­lich­keit und Falten nicht gleich ein Indiz für schlechte Ernäh­rung. Ein For­scher­team aus den USA beschäf­tigte sich ein­ge­hend mit dieser Art von Mani­pu­la­tion. Retu­schierte Fotos sind über­all und haben eine idea­li­sierte und unrea­lis­ti­sche Reprä­sen­ta­tion kör­per­li­cher Schön­heit geschaf­fen“, schrei­ben Eric Kee und Hany Farid vom Dart­mouth Col­lege.

Den Wis­sen­schaft­lern zufolge hat dies ver­hee­rende Folgen. Viele Men­schen betrach­ten sich nur noch ungern im Spie­gel, dar­un­ter sind auch schon Jugend­li­che. Eine bun­des­weite Stu­dien von 10.000 Kin­dern ergab außer­dem, dass sich jedes vierte Kind im Alter von 9 — 14 Jahren zu dick fühlt. Dieses Ergeb­nis ist mehr als erschre­ckend, beson­ders da Kinder zu diesem Zeit­punkt gerade erst anfan­gen, sich in ihrem Körper und der Medi­en­welt zurecht zu finden. 

Vor­bil­der spie­len eine wich­tige Rolle in der Ent­wick­lung eines gesun­den Kör­per­ge­fühls. Diese Rollen soll­ten Eltern oder Freunde über­neh­men, werden aber zuneh­mend von Ins­ta­gram und Co. abge­löst. Dies ist nicht immer unpro­ble­ma­tisch, wie das fol­gende Bei­spiel zeigt. 

Eine Com­mu­nity im Fit­ness­rausch

Wer ent­schei­det eigent­lich dar­über, ob eine Kör­per­zone zur Pro­blem­zone wird? Fit­ness­ex­perte Ingo Fro­böse von der Deut­schen Sport­hoch­schule in Köln hat sich kri­tisch mit dem Phä­no­men der Sport- und Ernäh­rungs­trends auf Ins­ta­gram aus­ein­an­der­ge­setzt. Diese rei­chen von restrik­ti­ven Diäten über ver­meint­li­che Schnapp­schüsse, denen nicht selten stun­den­lange Posings vor­an­ge­hen. Erst kürz­lich ver­riet ein ehe­ma­li­ges Model, dass sie bis zu 100 Fotos schieße, bevor sie nur eines davon bei Ins­ta­gram ver­öf­fent­li­chen könne. 

Einige Fit­ness Accounts haben eine Anhän­ger­schaft von meh­re­ren Mil­lio­nen und ver­brei­ten oft zwei­fel­hafte Inhalte. Die teil­weise noch sehr jungen Fol­lo­wer moti­vie­ren sich trotz­dem zu immer här­te­rem Trai­ning. Sie schei­nen danach zu stre­ben, dem Körper ihres Vor­bilds ein Stück­chen näher zu kommen. Exper­ten begrün­den die Gefahr darin, dass den Usern ein Kör­per­bild ver­kauft würde, das sich nur mit täg­li­chem, mehr­stün­di­gem Trai­ning erzie­len lasse. Die meis­ten Men­schen seien dazu aber weder gene­tisch noch psy­chisch über­haupt in der Lage. Fro­böse erklärt, dass vor allem viele der oft gezeig­ten Vorher-Nach­her Bilder Pho­to­shop-Fakes seien. Gesun­der Mus­kel­auf­bau und Fett­ab­bau braucht seine Zeit. Viele Frauen rut­schen so unter dem Deck­man­tel des Sports in die Mager­sucht“, erklärt Fro­böse in einem Inter­view mit der ZEIT

Mitt­ler­weile gibt es aber auch Por­tale von und für Men­schen, die sport­be­wusst sind und gleich­zei­tig die Viel­falt des mensch­li­chen Kör­pers zele­brie­ren. So setzt sich Louisa Del­lert vom Fit­ness Chan­nel Fit Trio kri­tisch mit der Klei­der­größe Pho­to­shop” aus­ein­an­der. Sie erklärt, wie ein­fach Schö­heits­ideale am Com­pu­ter erschaf­fen werden und das eine baby­glatte Haut nur Babys vor­be­hal­ten ist — und das ist auch gut so! Höchste Zeit also, dass wir wieder Ver­ant­wor­tung für unser eige­nes Wohl­be­fin­den über­neh­men und dieses auch an die nächste Gene­ra­tion wei­ter­ge­ben.

Mit Akzep­tanz zu mehr Wohl­be­fin­den

Ein ent­spann­ter Umgang mit uns selbst führt zu grö­ße­rer Akzep­tanz für unsere Indi­vi­dua­li­tät und die ande­rer Men­schen. Einige große Marken schei­nen ver­stan­den zu haben, dass nicht der Wunsch nach Per­fek­tion” zu einem posi­ti­ven Kör­per­ge­fühl führt, son­dern Authen­ti­zi­tät und Selbst­be­stim­mung. So setzen einige Pfle­ge­mar­ken auf mehr Viel­falt in der Dar­stel­lung ihrer Prot­ago­nis­ten für Wer­be­spots und Pla­kate. Die täto­wier­ten Anwäl­tin, der tier­liebe Biker — hier werden vor allem unsere eige­nen Vor­ur­teile auf die Probe gestellt. 

Acht­sam­keit ist eine gute Methode um sich der eige­nen Stär­ken und Schwä­chen bewusst zu werden, ohne sie zu ver­ur­tei­len. Acht­sam­keits­trai­ning übt außer­dem Empa­thie und die Fähig­keit, emo­tio­nale Bin­dun­gen ein­zu­ge­hen. Und diese sind frei von Äußer­lich­kei­ten.

Der renom­mierte Ernäh­rungs­wis­sen­schaft­ler David Katz wurde kürz­lich zu diesem Thema befragt und gab eine ein­fa­che Ant­wort: Es geht nicht um ästhe­ti­sche Fragen, was schön ist und was häss­lich. Es geht um Gesund­heit. Man sollte nicht so viel dar­über nach­den­ken, wie man aus­sieht – man sollte sich eher fragen, wie man sich fühlt. Sich vital fühlen ist etwas Wun­der­ba­res.” Die eigene Gesund­heit wert­zu­schät­zen trägt mehr zum Wohl­be­fin­den bei als jede Diät. 

Letzt­end­lich soll­ten wir lernen, für uns selbst zu sorgen. Dazu gehört auch eine gesunde Dis­tanz zu den Medien und den dort sug­ge­rier­ten Normen. Du möch­test lieber eine Serie schauen, statt die Jog­ging­schuhe zu schnü­ren? Völlig ok! Du möch­test lieber eine heiße Scho­ko­lade mit Sahne als Kräu­ter­tee? Völlig ok! Du stehst gerne um 6 Uhr früh auf und machst Kraft­trai­ning, statt länger im Bett zu gam­meln? Völlig ok! Wich­tig ist, nicht per­fekt sein zu wollen und sich nicht dafür zu schä­men, wer man ist. Trends kommen und gehen. Dein Körper hin­ge­gen gehört zu dir und wird dich ein Leben lang beglei­ten. Das ist eine lange Zeit. Eta­bliere und pflege also eure Freund­schaft, es lohnt sich. 

Selbst­ver­trauen stär­ken durch Medi­ta­tion
7Mind kos­ten­los star­ten




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