Von Helena Pabst

Irren ist mensch­lich“ – das sollte uns eigent­lich allen bewusst sein. Und doch trauen sich viele nicht, die eige­nen Fehler ein­zu­ge­ste­hen. Denn in einer Welt, die von der per­fek­ten Selbst­dar­stel­lung geprägt ist, wird es immer schwe­rer zuzu­ge­ben, dass man seine Mängel hat. Dass Dinge nicht gelin­gen. Dass man auch einmal rich­tig dane­ben greift. Anstatt zu akzep­tie­ren, dass Fehler ganz gewöhn­li­cher Teil des Mensch­seins sind, werden sie oft als per­sön­li­ches Ver­sa­gen emp­fun­den und vor dem Umfeld ver­tuscht. Im beruf­li­chen Kon­text herrscht erst recht der Anspruch, stets per­fekt zu funk­tio­nie­ren.

Dabei gibt es durch­aus Pro­jekte, die zeigen wollen, dass das Nicht-Per­fekte und das all­täg­li­che Schei­tern ganz gewöhn­li­cher Teil des Lebens sind. Ins­ta­gram-Chan­nel feiern häss­li­ches Essen statt per­fek­ter Food Pics. Star­tups retten ver­wach­se­nes Gemüse. Und in so genann­ten Fuck-up Nights“ tref­fen sich in vielen Städ­ten Grün­der und Inter­es­sierte, um ihre Miss­er­folge zu teilen. Miss­er­folge, aus denen sie häufig viel gelernt und neue Ideen gene­riert haben. Denn tat­säch­lich zeigen Stu­dien, dass nur in einer offe­nen Feh­ler­kul­tur Inno­va­tion ent­steht. Und auch im Pri­va­ten tut es gut, Fehler offen zuzu­ge­ben – vor sich selbst und vor ande­ren. Wir haben Tipps gesam­melt, wie es gelingt, die Selbst­vor­würfe zum Schwei­gen zu brin­gen und Posi­ti­ves aus deinen Feh­lern zu ziehen.

Die Kosten nega­ti­ver Feh­ler­kul­tur

Gerade in Deutsch­land herrscht tra­di­tio­nell ein hoher Anspruch an Qua­li­tät und Per­fek­tion. In vielen Firmen werden Fehler über­haupt nicht gerne gese­hen. Statt­des­sen sollen Mit­ar­bei­ter bei immer höhe­rem Arbeits­tempo funk­tio­nie­ren und sind oft mit einer nega­ti­ven Feed­back­kul­tur kon­fron­tiert. Doch der Druck, durch­weg per­fekt zu funk­tio­nie­ren, führt nicht zur beim ein­zel­nen zu Anspan­nung und schlimms­ten­falls Burn-out, son­dern min­dert auch die Inno­va­ti­ons­kraft der gesam­ten Orga­ni­sa­tion, zeigen Stu­dien. Denn wer Angst vor den Vor­ge­setz­ten hat, geht keine Risi­ken ein und treibt keine neuen Ideen voran.

In einer Unter­su­chung der Uni­ver­si­tät Wien betrach­te­ten die Auto­ren das gestie­gene Arbeits­tempo und den inter­nen Wett­be­werb in Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­men und woll­ten ermit­teln, ob die Mit­ar­bei­ter den­noch Eigen­in­itia­tive zeigen. Ihr Ergeb­nis: Wer stän­dig nega­ti­ves Feed­back für seine Fehler erhält, schlägt sel­te­ner eigene Ideen vor. Statt­des­sen führt eine nega­tive Feh­ler­kul­tur zu Stress, Druck und Per­fek­tio­nis­mus. Denn Men­schen neigen dazu, Fehler vor allem bei sich selbst zu suchen, egal wie kom­plex die Umstände. Wir suchen Fehler häufig im indi­vi­du­el­len, mensch­li­chen Ver­sa­gen, weil das für uns am ein­fachs­ten ist“, so Tabea Scheel, Psy­cho­lo­gin an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät Berlin und Co-Auto­rin der Wiener Studie. Dabei han­dele es sich in den meis­ten Fällen um Feh­ler­ver­ket­tun­gen, selten liege die Schuld bei einer Ein­zel­per­son.

Auch eine Studie der Cali­for­nia School of Pro­fes­sio­nal Psy­cho­logy zeigt die Aus­wir­kun­gen von nega­ti­ven Reak­tio­nen von Vor­ge­setz­ten auf ihre Mit­ar­bei­ter. Lässt eine Füh­rungs­kraft nach einem Fehler Wut, Frust oder Ärger auf die Mit­ar­bei­ter ein­pras­seln, sinkt in der Folge die Risi­ko­be­reit­schaft. Auch Krea­ti­vi­tät und Enga­ge­ment lassen nach, wodurch in der Folge wei­tere Fehler ent­ste­hen.

Ohne Schei­tern keine Inno­va­tion

Doch es gibt auch Berei­che, in denen Rück­schläge anders gese­hen werden. Aus der Wis­sen­schaft sind Fehler“, die sich als Ent­de­ckun­gen ent­pup­pen, nicht weg­zu­den­ken. Erst kürz­lich fand die spa­ni­sche For­sche­rin Fede­rica Ber­toc­chini durch Zufall eine plas­tik­fres­sende Rau­pen­art – nach­dem Motten ihre Bie­nen­stö­cke befal­len hatten und sie die Schäd­lings­lar­ven ent­nervt in einer Plas­tik­tüte ent­sor­gen wollte. Das lebens­ret­tende Peni­ci­lin wurde der Über­lie­fe­rung zufolge nur ent­deckt, weil Alex­an­der Fle­ming 1928 ver­se­hent­lich das Labor­fens­ter offen ließ und seine Bak­te­ri­en­kul­tu­ren von dem Peni­cil­lium-Schim­mel­pilz befal­len wurden. Auch im For­schungs­all­tag sind lange Ver­ket­tun­gen von Schei­tern ganz selbst­ver­ständ­lich – besser bekannt als Expe­ri­mente. Wis­sen­schaft ist eigent­lich das Berufs­bild, das auf Schei­tern auf­baut“, fasst Mole­ku­lar­bio­loge Josef Pen­nin­ger in der F.A.Z. zusam­men. Schei­tern ist Teil unse­res Lebens, aus dem man eine Gele­gen­heit machen muss.“ Ent­schei­dend sei aber zu ver­ste­hen, woran man geschei­tert ist, und auch daraus zu lernen.

Krea­ti­ver werden durch Medi­ta­tion:
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Auch in der Unter­neh­mens­welt trifft man auf erfolg­rei­che Men­schen, die auf Rück­schläge zurück­bli­cken. Bevor Bill Gates der reichste Mann der Welt wurde, lief er mit seiner ersten Firma Traf-O-Data in die Pleite. Ihr Pro­dukt war ein Mikro­pro­zes­sor, der den ame­ri­ka­ni­schen Ver­kehr ana­ly­sie­ren sollte, doch die Demo-Ver­sion funk­tio­nierte nicht und kos­ten­lose Berichte der Bun­des­staa­ten mach­ten das Pro­dukt ganz über­flüs­sig. Doch Gates und sein Mit­grün­der lern­ten so das Pro­gram­mie­ren und grün­de­ten später gemein­sam eine kleine Soft­ware-Firma namens Micro­soft. Sein größ­ter Kon­kur­rent in spä­te­ren Jahren, Steve Jobs, wurde nach dem Schei­tern seines ersten Com­pu­ter-Pro­jekts Lisa“ als Ange­stell­ter von Apple gefeu­ert. Einige Jahre später war Jobs mit seinem eige­nen Unter­neh­men so erfolg­reich gewor­den, dass er Apple auf­kaufte und so zum legen­dä­ren Fir­men­chef wurde. Später bezeich­nete er den Raus­wurf bei Apple als das Beste, was mir pas­sie­ren konnte. Die Schwere des Erfol­ges wurde durch die Leich­tig­keit, wieder ein Anfän­ger zu sein, ersetzt. Ich war weni­ger sicher und rutschte in einen der krea­tivs­ten Abschnitte in meinem Leben.“

Inzwi­schen gehört die per­sön­li­che Phönix aus der Asche“-Geschichte im Sili­con Valley gera­dezu zum guten Ton. Kein Erfolgs­mensch, der nicht min­des­tens einmal schwer geschei­tert sein will. Selbst­ver­ständ­lich ist das oft von der Rea­li­tät weit ent­fernt. Die meis­ten Unter­neh­mer stam­men aus pri­vi­le­gier­ten Ver­hält­nis­sen und nicht aus jedem Schei­tern wird eine mär­chen­hafte Erfolgs­ge­schichte. Doch die Grund­hal­tung, Rück­schläge und Fehler als Anreiz für neue Ideen und per­sön­li­che Ent­wick­lung zu sehen, kann auch im nor­ma­len Leben inspi­rie­ren. Solange wir offen mit Feh­lern umge­hen und die rich­ti­gen Schlüsse daraus ziehen.

So gelingt dir der Umgang mit Feh­lern:

1. Lachen ist gesund
Der rich­tige Umgang mit Fehl­schlä­gen und Miss­ge­schi­cken hängt natür­lich von deren Schwere ab. Aber gerade wenn es um Klei­nig­kei­ten wie das ver­geigte Abend­es­sen oder den fal­schen Ein­kauf des Part­ners geht, hilft eine gute alte Wun­der­waffe: Humor. Also anstatt den Abend gleich ganz für geschei­tert zu erklä­ren, weil der Auf­lauf ange­brannt ist oder die Glüh­birne nicht passt, atme erst einmal tief durch, betrachte das ganze mit etwas Abstand und ver­su­che, die absurde Seite an der Situa­tion zu sehen. Es gibt sie ganz bestimmt, und ein herz­haf­tes Lachen kann die Anspan­nung schnell lösen. So fällt es auch leich­ter, gemein­sam eine Lösung zu finden, und ein netter Abend mit Pizza bei Ker­zen­schein ist sicher besser als Streit.
Auch im Job darf bei allem Anspruch an gute Arbeit Humor erlaubt sein, wenn etwas schief­geht. Eine posi­tive Atmo­sphäre trägt zu grö­ße­rer Offen­heit bei und hilft, den glei­chen Fehler in Zukunft gemein­sam zu ver­mei­den. Gerade als Füh­rungs­kraft scha­det es daher nicht, auch einmal mit einem Spaß den Druck her­aus­zu­neh­men – und trotz­dem gemein­sam die rich­ti­gen Lehren zu ziehen.

2. Trau dich, ehr­lich zu sein – auch zu dir selbst
Ob privat oder beruf­lich, aus Feh­lern können wir nur lernen, wenn wir sie auch ein­ge­ste­hen – min­des­tens vor uns selbst. Wahr­schein­lich hatte jeder von uns schon einmal das Gefühl, die Welt hätte sich gegen ihn ver­schwo­ren, dass ein­fach alles schief läuft, obwohl man selbst sich doch die größte Mühe gibt. Sind denn wirk­lich alle ande­ren schuld? Oder könnte es sein, dass man selbst doch etwas zur Situa­tion bei­trägt? Wäh­rend manche zu selbst­kri­tisch sind, suchen andere gerne nach Aus­re­den oder Schul­di­gen. Und es ist ein ganz natür­li­cher Reflex, das eigene Ego zu schüt­zen. Doch gemein­same Feh­ler­su­che und Wei­ter­ent­wick­lung wird dadurch nicht leich­ter.

Wenn du das nächste Mal Streit hast oder im Team etwas gründ­lich schief läuft, frag dich: Wel­chen Anteil habe ich daran? Die eigene Ver­ant­wor­tung ein­zu­ge­ste­hen hilft, die Situa­tion offen zu ana­ly­sie­ren, den Kon­flikt zu ent­schär­fen und gemein­sam eine Lösung zu finden. Eine ehr­lich gemeinte Ent­schul­di­gung bringt dich in vielen Fällen deut­lich weiter als Ver­drän­gung oder Gegen­an­griff.

3. Nimm dir Zeit, deine Wunden zu lecken
Viele brüs­ten sich damit, echte Steh­auf­männ­chen“ zu sein. Gerade unter Män­nern ist es ver­pönt, lange an Rück­schlä­gen zu knab­bern, der Druck zu funk­tio­nie­ren über­wiegt das Bedürf­nis, seine Wunden zu heilen. Dabei zeigen Stu­dien tat­säch­lich, dass Men­schen, die zu Selbst­mit­leid“ neigen, besser in der Lage sind, Rück­schläge zu ver­kraf­ten. Denn sie nehmen sich die Zeit, die sie brau­chen, um eine Situa­tion zu ana­ly­sie­ren, zu reflek­tie­ren, dar­über zu spre­chen und sie zu ver­ar­bei­ten. Wer bei­spiels­weise mit einem ambi­tio­nier­ten Pro­jekt schei­tert, ist auch emo­tio­nal getrof­fen und braucht Zeit, um dar­über hin­weg­zu­kom­men. Von pri­va­ten Schlä­gen wie dem Schei­tern einer Bezie­hung ganz zu schwei­gen.

Wer sich emo­tio­nal und ana­ly­tisch die Zeit nimmt, die Situa­tion zu ver­ar­bei­ten, hat gute Chan­cen, daraus zu lernen. Bleibt statt­des­sen in dem Bestre­ben, schnell wei­ter­zu­ma­chen, nur das Schei­tern hängen und nicht die Lek­tion daraus, wird man für die Zukunft eher nega­tiv geprägt. Also mach dich frei von fal­schen Idea­len und nimm dir die Zeit, die du ganz per­sön­lich brauchst.

4. Hak es irgend­wann ab
Schwere Rück­schläge und Ver­let­zun­gen lassen sich nicht von einem Tag auf den ande­ren abha­ken. Doch irgend­wann muss das Gedan­ken­ka­rus­sell ein Ende haben. Wenn du merkst, dass ein Selbst­vor­wurf sich ver­selb­stän­digt hat, sag irgend­wann Stopp“ oder such dir die Hilfe, die du brauchst, um damit umzu­ge­hen. Ab einem gewis­sen Punkt hilft es nicht mehr weiter, die glei­chen Gedan­ken immer und immer wieder im Kopf zu wälzen. Früher oder später muss man akzep­tie­ren, dass man etwas falsch gemacht hat und es auch nicht mehr ändern kann, son­dern nur daraus lernen.

Acht­sam­keits­trai­ning ist eine große Hilfe, um die eige­nen Gedan­ken in den Griff zu bekom­men und empa­thisch mit den eige­nen Feh­lern umzu­ge­hen. Die regel­mä­ßige Kon­zen­tra­tion und Besin­nung nach innen erleich­tert es, die Auf­merk­sam­keit zu steu­ern, Gedan­ken und Gefühle mit Abstand zu betrach­ten und sie zu akzep­tie­ren. So wird es leich­ter, zu reflek­tie­ren und offen auch mit den weni­ger per­fek­ten Seiten des Lebens umzu­ge­hen – sich selbst und ande­ren gegen­über.

Die aktu­elle Pod­cast­folge zum Impuls:


Selbst­mit­ge­fühl üben mit Acht­sam­keit:
7Mind kos­ten­los star­ten



Bild: Kate­rina Rad­vanska auf Uns­plash

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