von Alexandra Gojowy

Jeder kennt das Phänomen: Zehn Minuten im Wartezimmer können uns wie eine halbe Ewigkeit vorkommen. Wenn wir morgens auf die Snooze-Taste unseres Weckers drücken, vergehen die Minuten jedoch wie im Flug. Je nach Aktivität, scheint sich die Zeit komplett anders anzufühlen, manchmal fließt sie zäh dahin, während sie in anderen Momenten kaum aufzuhalten ist. Trotzdem ist eine Minute immer nur sechzig Sekunden lang und ein Tag hat immer 24 Stunden.

Ist Zeit einfach Kopfsache oder hängt sie von unserer Beschäftigung ab? Wir fassen zusammen, was Experten zum Thema Zeitempfinden herausgefunden haben und geben eine mögliche Antwort auf die Frage, wieso wir immer das Gefühl haben, nicht genug Zeit zu haben. Und das obwohl Smartphones und moderne Transportmittel eigentlich versprechen, Zeit zu sparen. Beginnen wir mit einer kleinen Zeitreise in die Kindheit.

Gefühlte Zeit: Eine Frage des Alters?

Kannst du dich noch an die Sommerferien während der Schulzeit erinnern? Endlos warme Tage, Nachmittage im Freibad, sechs Wochen Freiheit. Als Kind kam uns der Sommer ewig vor. Mit zunehmendem Alter haben wir immer mehr das Gefühl, die Jahre würden nur so an uns vorbeirauschen. Für dieses Phänomen gibt es mittlerweile eine wissenschaftliche Erklärung. In seinem Buch „Gefühlte Zeit: Kleine Psychologie des Zeitempfindens“ erklärt der klinische Psychologe Marc Wittmann das subjektive Zeitempfinden wie folgt: Zeitwahrnehmung ist paradox. Wenn wir viel Neues erleben, vergeht die Zeit für uns sehr schnell. Wenn wir uns rückblickend aber an all die neuen Ereignisse erinnern, erscheint uns die vergangene Zeit plötzlich sehr lang. Je mehr Neues und vor allem Emotionales wir erleben, desto länger erscheint uns der Zeitraum im Nachhinein. "Neuartige Erlebnisse dehnen im Rückblick die Zeit", erklärt Wittmann. Als Kinder begegnen wir der Welt deutlich offener, wir lernen noch viel mehr dazu, machen neue Erfahrungen oder fahren vielleicht das erste Mal bewusst in den Urlaub. Deshalb scheinen die Sommer unserer Jugend rückblickend so endlos lang. Aus der Entwicklungspsychologie ist ebenfalls bekannt, dass man im Alter weniger offen für Neues ist. Je mehr wir schon selbst erlebt haben, desto weniger neu erscheint uns die Welt. Das ist der Grund, warum uns die Zeit heute zwar ausgedehnt erscheint, wir rückblickend aber das Gefühl haben, die Jahre wären unglaublich schnell vergangen.

Nidal Toman von der Berliner Charité beschreibt das Phänomen der “Inneren Zeit” ebenfalls als altersabhängige Erfahrung, die außerdem durch das soziale und berufliche Umfeld geprägt ist. Das bedeutet auch, dass uns routinemäßig verbrachte Zeit, zum Beispiel an einem ereignislosen Bürotag, teilweise sehr lang vorkommt. Am Ende des Tages fragen wir uns manchmal, was wir eigentlich den ganzen Tag gemacht haben, und die verbrachte Zeit erscheint plötzlich wieder als sehr kurz. Unser Zeitempfinden hängt also ebenfalls von unserer Stimmung während des Tages ab und ob wir ihn als langweilig oder besonders aufregend empfinden.

Unser Zeitempfinden wird also maßgeblich von der Menge an neuen Ereignissen in unserem Leben bestimmt. Wie hat sich unser Gefühl für Zeit mit der digitalen Kommunikation verändert? Schließlich erhalten und verarbeiten wir täglich sehr viel mehr Informationen als beispielsweise unsere Großeltern.

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Zeitknappheit als Lebensgefühl

Durch den Fortschritt der Technik, den Gebrauch von Smartphones und die damit einhergehende Erreichbarkeit stehen wir ständig unter Strom. Die kleinen “Zeitsparer” des Alltags nennen sich Powernapping, Fast Food oder Speed-Dating und werden durch Smartwatches und Apps sogar noch perfektioniert. Tatsächlich sparen wir Zeit an allen Ecken, schließlich können wir per App das Abendessen liefern lassen, den Urlaub buchen oder das nächste Date kennenlernen. Autor Rafael Ball sagt, dass durch den Gebrauch neuester Technik auch ein ganz neuer Zeitbegriff entstehe und beschreibt in seinem Buch “Die pausenlose Gesellschaft” den modernen Menschen wie folgt: “Der moderne Mensch fährt Zug, tippt dabei seine Chat-Nachrichten, hört Musik und liest dazu noch in einer Gratiszeitung. Diese Gleichzeitigkeit erlaubt einen unglaublichen Produktivitätszuwachs”. Produktivitätszuwachs klingt gut, trotzdem scheint die Zeit nie auszureichen. Und der Tag ist immer noch nicht länger als 24 Stunden.

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Hartmut Rosa sieht das Problem in unserer Psyche begründet, die dem wachsenden Lebenstempo nicht gewachsen sei. Burnout und Depressionen seien die Folge der überschleunigten Zeit, die letztlich eher zu einer Entfremdung von der Welt führe. In einem Interview mit der Wirtschaftswoche stellt er sich die Frage, wo die eingesparte Zeit hinfließt, die wir seit der Erfindung der Mikrowelle, des Fahrstuhls und dem Flugzeug einsparen. So müssten wir dank neuester Technik eigentlich im Zeitwohlstand leben. Warum sie uns trotzdem davon läuft, erklärt der Wissenschaftler an einem einfachen Beispiel: “Wenn ich heute statt zehn Briefen zehn E-Mails schreibe, spare ich etwa die Hälfte der Zeit: Früher habe ich eine Stunde gebraucht, heute eine halbe. Macht eine halbe Stunde mehr Freizeit. Das Problem besteht nun darin, dass die Wachstumsrate meiner Kommunikation über ihrer Beschleunigungsrate liegt – dass ich statt zehn Briefen heute zwanzig Mails schreibe, das heißt: Ich brauche wieder eine Stunde”. Wie kommen wir raus aus dem Teufelskreis der zunehmenden Beschleunigung? Eine mögliche Antwort: Mach mal langsam.

Die neue Langsamkeit

Slow-Food, Slow-Travelling, Slow-Business – Langsamkeit ist Trend, privat und beruflich. Zukunftsforscher Matthias Horx ist ebenfalls der Meinung, dass in unserer modernen Gesellschaft ein hohes Bedürfnis nach Langsamkeit bestehe. So sagte er gegenüber der Deutschen Presse-Agentur, dass sich der Slow-Trend in vielen Bereichen durchsetzen wird, mit dem Ziel, eine höhere Lebensqualität zu erreichen. Horx nennt außerdem die moderne Achtsamkeit als einen großen kulturellen Trend, der sich vor allem in der Arbeitswelt durchsetzen werde, da er auf Kooperation, Motivation und Nachhaltigkeit setze. Das Zukunftsinstitut, eines der einflussreichsten Think Tanks der europäischen Trendforschung, beschreibt Achtsamkeit als “Ablenkungs- und Aufmerksamkeitsdiät”. Dazu gehöre auch, wieder geduldiger zu werden, sich Zeit zu nehmen, die Zeit auch mal anzuhalten und bewusst den Moment zu genießen – egal in welcher Situation. “Wenn man in alltäglichen Situationen – an der Bushaltestelle, beim Arzt, beim Autofahren – den Geist aufmerksam wach hält, ohne ständig an seinem Smartphone zu fummeln, hat man schon einen gewaltigen Schritt zur Freiheit geschafft”, so eine Empfehlung auf der Website des Instituts.

Die Forschung im Bereich der Zeitwahrnehmung zeigt deutlich, dass das Zeitempfinden individuell, sowie gesellschaftlich und politisch bestimmt wird. Gesellschaft und Politik können zwar den Takt, Wochenarbeitszeiten oder Feiertage bestimmen, was wir mit dem Rest unserer Zeit anfangen, bleibt aber uns selbst überlassen. Ob wir uns über den verspäteten Zug oder das volle Wartezimmer ärgern oder genau diese Zeit ganz bewusst nutzen, ist unsere Entscheidung. Eines ist sicher, all diese Momente sind Lebenszeit. Wie willst du sie verbringen?

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