Interview: Helena Pabst

Seit seinem ersten Album „Feuerwasser“ im Jahr 2000 war Michael Kurth, besser bekannt als „Curse“, durchgängig im deutschen Hip Hop erfolgreich. Zum zehnjährigen Jubiläum dann die Nachricht: Mit Curse ist es erst einmal vorbei. Wir haben ihn gefragt, wie es zu dieser Entscheidung kam, was er in seiner Auszeit erlebt hat und was er als nächstes plant. Ein Gespräch über Business und Buddhismus, Meditation und Musik, systemisches Coaching und wahre Coolness.

(Zum Curse-Podcast "Meditation, Coaching & Life" geht es hier)

1. Die meisten kennen dich ja als „Curse“, den Rapper. Du warst seit deinem ersten Album im Jahr 2000 durchgängig im Hip Hop Business unterwegs, hast dann aber nach zehn Jahren gesagt „Ich bin jetzt erstmal raus“. Was ist da passiert?

Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Zuerst hatte ich schon länger das Gefühl, dass ich feststecke in meiner Rolle – vor allem der, die mir von außen zugeschrieben wurde. Ich habe gemerkt: Du kannst dich auf den Kopf stellen, die Reaktionen bleiben trotzdem gleich. Und aus so einem Stadium heraus kreativ tätig zu sein, ist schonmal schlecht. Das wäre eigentlich schon Grund genug zu sagen: „Ich muss jetzt mal eine Pause machen“.

Dazu kam, dass ich gemerkt habe, wie viele „normale“ Sachen ich gar nicht mitgemacht habe. Ich habe mein erstes Album mit 21 veröffentlicht und war dann bis 31, 32 nur mit Rap unterwegs. Andere haben gesagt: Ich mache jetzt Work and Travel, ich mache eine Ausbildung; mein Leben bestand aus: Ich bin im Studio, ich bin auf der Bühne – ich war immer außen vor. Ich hatte vorher studiert (Soziologie, Religionswissenschaften, Literatur, Anm. d. Red.) und konnte mich auch mit diesen Dingen nicht wirklich beschäftigen, obwohl sie mich natürlich interessiert haben. Es war komisch – ich habe das Leben geführt, das ich mir immer gewünscht habe, aber ich habe gemerkt, mir fehlt etwas.

Am Ende steckte ich auch immer noch in alten, schwierigen Verträgen fest. Also habe ich gesagt: Businessmäßig ist es gerade schwierig, inspirationsmäßig ist es schwierig, und ich bin auch noch unglücklich. OK! Ich habe mich zehn Jahre in diese Richtung bewegt und bin dankbar für alles, aber hier ist der Punkt, an dem ich sagen muss: Ich bin nicht glücklich, ich muss einen Cut machen.

Ich war in meiner „Pause“ natürlich weiter kreativ, habe für andere Künstler geschrieben, habe weiter Musik gemacht, aber aus dem Curse-Sein war ich raus. Ich bin ja Michael Kurth, der Mensch, mit vielen Facetten. Einige haben mir das sogar übelgenommen – ich habe richtige Hassmails bekommen: „Ich verbrenne jetzt alle deine CDs“ – aber es war die beste Entscheidung meines Lebens. Und dann habe ich ganz viel blödes Zeug gemacht. (lacht) Ich bin gereist, habe mit Meditation angefangen, habe mich neu kennengelernt, und mich sozusagen einer inneren Reise gewidmet.

2. Was hast du in der Zeit so alles erlebt und bei welcher Form von Meditation bist du schließlich geblieben?

Ich habe früher immer gedacht: Meditation, das ist etwas, das mache ich mal, wenn ich alt bin. Dann geh ich ins Zen-Kloster und lebe auf einem Berg. Ich dachte immer, Meditation, das macht passiv, dann ist mir alles egal. Mein Bild davon war, apathisch zu werden, distanziert, abgehoben. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mit einem systemischen Coach zusammengearbeitet, und der hat dann zu mir gesagt, das ist totaler Quatsch. Was denkst denn du, wie olympische Goldmedaillengewinner das machen, wenn die meditieren, meinst du, die wollen dann nicht mehr Goldmedaillen gewinnen? Oder Spitzenmanager, das ist ja totaler Humbug. Und dann hat er mit mir eine Meditationsübung gemacht. Das war meine erste bewusste Meditationserfahrung.

Und das war so völlig anders als alle Herangehensweisen, die ich vorher hatte – Willenskraft, Durchsetzungsvermögen, intellektuelle Kapazität – das hat mich einfach nicht mehr losgelassen. Also bin ich einfach überall hingegangen, um zu lernen. Ich war in buddhistischen Schulen, in Yoga-Schulen, bei Osho... Das war für mich etwas komplett Neues – alleine schon, da hin zu gehen! Als Rapper geht es ja auch um Coolness und eine gewisse Pose, eine gewisse Attitude. Da geht es viel um Kontrolle und Außenwirkung. Und da stand ich plötzlich bei so einer bewegten Meditation, und dann kommt erstmal „Sing Halleluja“ und „Cotton Eye Joe“, und alle tanzen, und ich komme da rein mit meinem Rap-Ding und denk erstmal: „Wollt ihr mich alle verarschen“. Das war mir so unangenehm und so peinlich (lacht) – und dann habe ich aber gemerkt, Alter, du bist sowas von verkrampft, du bist gar nicht cool. Du bist unlocker wie Sau. Wenn du wirklich cool wärst, dann könntest du dich jetzt hier hinstellen zu „Sing Halleluja“ und „Cotton Eye Joe“, und es wäre scheißegal. Das ist eine andere Form von Confidence. Die hat nichts mit Konstrukt zu tun, das man sich aufgebaut hat, und solange man das wahren kann, ist man in seinem Cocon, sondern die hat was damit zu tun, loslassen zu können.

Also habe ich losgelassen, ganz viele Sachen ausprobiert und irgendwann festgestellt, dass es für mich wichtig ist, beide Arten von Meditationspraxis zu haben – dieses kathartische, das Ausbrechen, aber auch etwas ganz Grundlegendes, das mich wieder entschleunigt und zu den Basics bringt. Es reicht nicht, besondere Erfahrungen zu machen, denn die gehen auch immer wieder vorbei. Man muss die Erfahrungen integrieren und in den Alltag holen. Und das ist für mich die 2.500 Jahre erprobte Buddhistische Praxis mit ihrer realistischen Sichtweise und ihren klaren Methoden. Ich habe einen Buddhistischen Lehrer, der beides verbindet – jahrzehntelanges Training im Kloster in Tibet aber auch Spontaneität, Freude und Loslassen. Diese Kombination inspiriert mich total.

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3. Neben den Meditationserfahrungen hast du dich in deiner Auszeit ja auch noch zum „systemischen Coach“ ausbilden lassen. Was zeichnet Systemisches Coaching aus, und was willst du den Leuten in deinen Workshops, Seminaren und in deinem Podcast vor allem mitgeben?

Systemisches Coaching ist eine bestimmte Herangehensweise an die Arbeit mit Menschen, Problemen und Situationen. Ein Aspekt dabei ist, wie der Name schon sagt, systemisch. Kein Problem tritt isoliert auf. Es gibt immer ein System von Verhaltensweisen, Mustern, Menschen oder Strukturen, die diese Situation begünstigen. Das heißt, um darauf Einfluss zu nehmen, lohnt es sich, einen Blick darauf zu werfen, ob man etwas im System verändern und damit auch auf die Situation einwirken kann. Das zweite ist, dass man immer sehr lösungsorientiert vorgeht. Oft befinden sich Menschen in der so genannten „Problemtrance“, das heißt, sie drehen sich um die einzelnen Facetten ihres Problems und kommen nicht weiter. Im systemischen Coaching führt man die Person von dort aus in die „Lösungstrance“, also: Was soll eigentlich passieren? Stell dir vor, du wachst auf, und die Situation hat sich in Wohlgefallen aufgelöst – Woran merkst du das? Wie fühlt sich das an? Der dritte Aspekt ist, dass man sagt: Ich als Coach weiß gar nichts. Ich bin kein Berater, der sagt „Mach mal A, B, C“, oder „Mensch, sieh das doch mal positiv“, sondern die Person mit der ich arbeite, ist ihr eigener größter Experte. Ich kann keine Lösung präsentieren, ich kann die Leute aber begleiten und mit Tools und Fragen unterstützen, den Wald vor lauter Bäumen wieder zu sehen – und zwar ihren eigenen Wald. Ihre eigene Lösung zu finden, aus sich selbst heraus.

Diese drei Aspekte finde ich extrem smart und wertschätzend. Das hat mich selbst als Coachee, als Person die gecoacht wird, so begeistert, dass ich gesagt habe, das möchte ich irgendwann lernen. Und jetzt versuche ich, in meinen Workshops, Seminaren und im Podcast die Erfahrungen aus dem Coaching und aus meiner Meditationspraxis zusammenzubringen, weil sie unglaublich komplementär sind.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, was bei den Leuten hängenbleibt, dann würde ich sagen: „Entspann dich“. Trau dich, dich mal locker zu machen. Entspannung, auch und vor allem in der Anspannung, das ist so grundlegend wichtig, daran erinnere ich mich ständig selbst. Wenn man sich ein bisschen in eine Situation reinentspannt, dann kann man ein wenig dieses enge Gefühl lockern, man sieht klarer. Der Sand in der Wasserflasche kann sich absetzen, man kann wieder durchgucken. Deswegen sind auch verschiedene Meditationsmethoden oder Yoga so hilfreich – oder halt zu Cotton Eye Joe tanzen. (lacht) Also: Relax.

Und das zweite ist: Guck genau hin. Nimm dir die Zeit oder den Raum, um dir genau anzuschauen, was da ist. Ohne sofort in Bewertungen und Interpretationen zu springen. Dann kommt oft so ein ganz starkes Gefühl von „Wow, darum geht es eigentlich“, zum Beispiel „Ich fühle mich einfach nicht gesehen“. Und wenn sich auch das setzt, dann liegt vielleicht noch etwas dahinter. Und dann reden wir irgendwann nicht mehr darüber, warum wer was zu wem gesagt hat, sondern über grundlegende Bedürfnisse und Wünsche. Darüber, dass eine Situation einfach nicht mit den eigenen Werten oder Bedürfnissen kongruent ist. Und dann nähert man sich ein bisschen an – worum geht es eigentlich wirklich? Und das ist das schöne. Stell dir vor, Menschen könnten immer auf dieser Ebene miteinander reden.

4. Wie hat denn das Umfeld in der Hip-Hop-Welt reagiert, als sie gehört haben, dass du jetzt meditierst und als Coach aktiv bist?

In meinen Texten geht es ja immer schon auch um innere Betrachtungen, Reflexion, Fragen, Emotionen. Für viele Hörer war der Schritt daher nicht völlig absurd, aber einige Leute mussten auch erst mal über ihre Vorurteile hinwegkommen – so wie ich ja auch! Aber es ist durchaus so, dass sich auch da wieder die Klischees auflösen. Sogar in der Rap-Szene gibt es viele Leute – sowohl bei den Hörern als auch bei den Musikern – die sich für diese Themen interessieren. Viele, die diese Ebene in ihrem Leben haben oder nach ihr suchen, die meditieren oder sich mit Yoga, mit Dankbarkeitspraxis oder mit Psychologie beschäftigen. Und ich glaube, jetzt ist ein wichtiger Zeitpunkt! Diese Themen finden breitere Akzeptanz, weil Leute merken, dass es Ihnen gerade in unserer Zeit extrem guttut. Und natürlich kannst du Rap-Musik machen und abraven und dich gut kleiden und deine Attitude haben und gleichzeitig Achtsamkeit praktizieren, das steht überhaupt nicht im Gegensatz zueinander. Im Gegenteil. Je mehr man diese Aspekte integriert, desto natürlicher wird man. Desto mehr ist man in seiner Mitte.

5. Du arbeitest ja auch gerade an einem neuen Album, wie integrierst du das da? Wird sich bemerkbar machen, was du in den letzten Jahren an neuen Erfahrungen gesammelt hast?

Entwarnung vorweg: Es wird kein Meditationsalbum mit Gongs und Vogelgezwitscher. Aber das, wovon wir hier sprechen, das steckt beim neuen Album überall zwischen den Zeilen. Musik ist ja immer hier und jetzt, alles was passiert und inspiriert fließt irgendwie mit ein. Aber ein Album ist ein bisschen wie ein Baby – du weißt, da ist was, das wächst, aber bis es wirklich zur Welt kommt, weißt du gar nicht hundert Prozent, wie es nachher „sein“ wird. Das ist immer ein Mysterium. Ich bin selber gespannt.

6. Jetzt da du wieder Musik machst und zurück im Geschäft bist, wie integrierst du Achtsamkeit in dein Alltagsleben, was würdest du da für Tipps geben?

Ich praktiziere nach meiner Formel OOOO+X, also Oprah, OM, Obama, Ocha und die geheime Zutat X. Was genau das bedeutet, erkläre ich in meinen Workshops und Podcasts. Letztlich habe ich einfach eine sehr regelmäßige Meditationspraxis und auch eine Übungspraxis im tibetischen Yoga, „Kum Nye“. Durch den OOOO+X Ansatz lässt sich das sehr gut in den Alltag integrieren. Dazu kommt, dass ich mir immer wieder frische Impulse setze: Ich höre Vorträge zu interessanten Themen, höre Podcasts, lese über Buddhismus. Dadurch inspiriere ich mich immer auf’s Neue, so wie Musikhören mich immer inspiriert, selber Musik zu machen. Meine Empfehlung, wenn Leute mich fragen, wie sie regelmäßig positive Impulse setzen können, ist: Lass dich inspirieren. Bei mir wirkt das immer am besten.

Im Alltag gibt es sehr einfache Möglichkeiten zu praktizieren. Wenn man zum Beispiel merkt, man ist gerade sehr aufgeregt oder sehr gestresst – allein wenn man das merkt, ist die Hälfte schon erledigt. Wenn man dann einfach für dreißig Sekunden einen Schritt weitergeht und sagt: Ok, wie fühlt sich mein Körper auf meinem Stuhl an, wie atme ich gerade, atme ich flach, atme ich tief? Dann ist man garantiert sofort entspannter, fokussierter, mehr im Moment. Es reicht, wenn man sich dabei erwischt „abzudriften“ und dann für einen kurzen Moment mal auf den Körper achtet, vielleicht bewusst dreimal tief durchatmet. Relax. Dann meinetwegen wieder zurück an die E-Mails – und es fühlt sich garantiert anders an. Das ist wahrlich nicht etwas, wofür man jahrelange Meditationserfahrung braucht, und es wirkt so schnell und sofort.

7. Wir leben ja in einer politisch sehr aufgewiegelten Zeit. Hast du einen Wunsch, was mehr Achtsamkeit da bewirken könnte?

Ganz viele Dinge, die wir tun, entstehen aus Impulsen und Mustern heraus, derer wir uns nicht wirklich bewusst sind. Und auch die Ursprünge dieser Muster sind uns nicht wirklich bekannt. Wenn wir mehr Achtsamkeit praktizieren, mehr Innenschau und mehr Aufmerksamkeit, dann können wir ein klein bisschen besser sehen, was unsere Impulse und Motivationen sind. Und dann können wir uns intelligenter entscheiden, welchen Impulsen wir folgen möchten und welchen nicht. Wir treffen Entscheidungen, die mehr im Einklang sind mit dem, was wir uns und der Welt wünschen. Und darüber hinaus: Entspannung und genaues Hinsehen können diese Muster auch lockern und ganz lösen.

Die gute Nachricht ist: Fünf Prozent reichen schon! Man muss nicht immer hundert Prozent aufmerksam sein und alles immer checken. Aber fünf Prozent sind schon super. Kennst du dieses Golfball-Beispiel? Stell dir vor, Du lernst Golf, schlägst auf den Golfball, und der fliegt hundert Meter an der Flagge vorbei. Du denkst: „Oh nein, ich muss meinen ganzen Schwung grundlegend verändern!“ Aber der weise Golf Instructor sagt: „Nee nee nee, du musst einen Millimeter weiter nach links.“ – „Wie, einen Millimeter?“ – „Na wenn du hier einen Millimeter weiter links triffst, macht das auf die Flugbahn von mehreren hundert Metern einen riesigen Unterschied.“ Das heißt: Fünf Prozent reichen. Wenn jeder von uns in seinen Alltag fünf Prozent mehr Achtsamkeit und Aufmerksamkeit bringt – über die nächsten Wochen, Monate und Jahre wird es einen riesigen Unterschied machen.

Zum Podcast:

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