Gast­bei­trag von Ben­ja­min Jaksch

Was bedeu­tet es, authen­tisch zu sein?

Nur weil jemand authen­tisch ist, muss er dir noch lange nicht sym­pa­thisch sein. Mit Sicher­heit kennst du min­des­tens einen Men­schen, der nicht zu deinen Liebs­ten zählt, auf den du dich aber irgend­wie ver­las­sen kannst und mit dem du Kon­takt hast, obwohl du es gar nicht müss­test. Was ist also die Bedeu­tung von Authen­ti­zi­tät?

Ein authen­ti­scher Mensch ist ein sol­cher, dem du sprich­wört­lich alles abkaufst“. Authen­ti­sche Men­schen sind vor allem eins: Glaub­wür­dig. An ihnen scheint alles stim­mig zu sein. Wenn du authen­tisch bist, hast du einen ent­schei­den­den Vor­teil: Das Gehirn sucht andau­ernd unter­be­wusst nach Mus­tern und sor­tiert Dinge, Ereig­nisse und auch Men­schen in Kate­go­rien ein. Und so sor­tie­ren wir Men­schen, basie­rend auf dem ersten äuße­ren Ein­druck, in sym­pa­thisch und unsym­pa­thisch. Das pas­siert im Unter­be­wusst­sein in Bruch­tei­len von Sekun­den.

Du hast bestimmt schon Men­schen ken­nen­ge­lernt, bei denen Wort und Tat über­haupt nicht zusam­men­pas­sen und aus denen du ein­fach nicht schlau wirst. Ihr Ver­hal­ten passt über­haupt nicht zu der Art und Weise, wie sie von sich erzäh­len. Ein sol­cher Mensch kann dir viel­leicht erst mal sym­pa­thisch sein, ist aber den­noch unglaub­wür­dig. Das löst Stress im Gehirn aus, weil es dem Gehirn nicht gelingt, den Men­schen als Person ein­zu­sor­tie­ren. Dieser Pro­zess benö­tig unnö­tig Ener­gie. Wie wenn du ein Buch in ein Regal ein­sor­tie­ren sollst, aber die Beschrif­tung des Buchs nicht zum System in dem besag­ten Regal passt. Authen­ti­sche Men­schen hin­ge­gen, sind zwar nicht jedem Men­schen sym­pa­thisch, berei­ten aber nie­man­dem Kopf­zer­bre­chen“. Wür­dest du dich selbst als authen­ti­schen Men­schen beschrei­ben?

Weißt du über dich Bescheid?

Damit du selbst authen­tisch agie­ren kannst, musst du ziem­lich gut über dich Bescheid wissen. Zum Bei­spiel muss dir bekannt sein, was dir guttut, wovor du Angst hast und wozu du intrin­sisch moti­viert bist. Gut über sich Bescheid zu wissen, wirkt sich sehr befrei­end auf deinen Alltag aus. So erkennst du du selbst bei ver­meint­lich schwie­ri­gen oder lang­fris­ti­gen Ent­schei­dun­gen schnel­ler, was du wirk­lich möch­test und was am besten zu dir passt.
Doch ganz so ein­fach ist es natür­lich nicht, denn unser inne­rer Kom­pass lässt sich sehr schnell durch­ein­an­der­brin­gen.

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Der innere Kom­pass — stän­dig abge­lenkt

Wenn du dich auf der Suche nach deiner Authen­ti­zi­tät befin­dest, also nach dem, was wirk­lich zu dir passt und wie du im Ein­klang mit deiner Per­sön­lich­keit leben und han­deln kannst, suchst du nach kon­kre­ten Anhalts­punk­ten sowie Erkennt­nis­sen, die dir dabei helfen. Doch in der Welt, in der wir leben, sind wir kon­stant einer Flut von äuße­ren Infor­ma­tio­nen und äuße­ren Sin­nes­rei­zen aus­ge­setzt. Vielen Men­schen gelingt es durch regel­mä­ßige Medi­ta­tion, sich den äuße­ren Reizen immer wieder ihrer Anzie­hungs­kraft zu ent­zie­hen um lang­fris­tig mehr Ruhe in den Alltag zu brin­gen.

Auch ich habe oft das Gefühl, dass sich meine Gedan­ken ein­fach zu schnell bewe­gen, um dem Karus­sell zu ent­flie­hen oder das Karus­sell zu stop­pen. Und wenn ich mich hin­setze und aktiv zur Ruhe kommen möchte, sitzen meine Gedan­ken schon in den Start­lö­chern, bereit mir neue Ideen zu lie­fern und sich mit mir im Kreis zu drehen.
So wie mir, geht es auch vielen meiner Kli­en­ten. Egal, ob man von inne­ren Stim­men“, von Gedan­ken­ka­rus­sell“ oder unru­hi­gem inne­ren Kom­pass“ spricht – alle Bilder beschrei­ben die glei­che Rast­lo­sig­keit und teil­weise auch Unsi­cher­heit über die eigene Person und die eige­nen Ent­schei­dun­gen.

Doch Acht­sam­keit kann man nicht nur auf men­ta­ler Ebene prak­ti­zie­ren. Seit mitt­ler­weile sieben Jahren habe ich eine zuver­läs­sige Quelle für Authen­ti­zi­tät, und damit ein­her­ge­hend, auch Erkennt­nisse über mich selbst gefun­den.

Bewusste Bewe­gung schafft Klar­heit, Sta­bi­li­tät und Ruhe

Sport und Trai­ning spie­len eine große Rolle in meinem Leben seit ich 14 Jahre alt bin. Vom Rad­sport über Fit­ness­trai­ning und Rugby bin ich vor ca. 7 Jahren auf Parkour gesto­ßen. Die Beson­der­heit an Parkour ist, dass ich mich selbst in einer bekann­ten Umge­bung immer wieder neu erfinde und neu ken­nen­lerne. Ich begebe mich mit meinem eige­nen Körper auf die Suche nach Pro­blem­lö­sun­gen. Ent­we­der weiß ich dafür schon viel über mich selbst – oder aber ich lerne mich selbst wäh­rend­des­sen gut kennen. Das glei­che lässt sich auch beim Boul­dern, Klet­tern und Slack­li­nen beob­ach­ten und üben. Der Unter­schied zu manch ande­ren Frei­zeit­sport­ar­ten ist, du tust etwas mit deinem Körper – du tust ihm nicht etwas an. Das heißt ich mache nicht eine Bewe­gung, um einen Muskel gezielt zu kräf­ti­gen oder meinen Puls in die Höhe zu trei­ben, son­dern ich ver­folge ein kon­kre­te­res Ziel (z.B. eine Mauer hoch­klet­tern, auf einem Gelän­der balan­cie­ren) und erlange dabei diverse Erkennt­nisse über mich selbst: Wie hoch kann ich denn eigent­lich sprin­gen? Ab wel­cher Höhe emp­finde ich Angst beim Balan­cie­ren?

Durch diese regel­mä­ßige, bewusste Beschäf­ti­gung mit dir selbst, pas­siert etwas bei­nahe Magi­sches: Stück für Stück kom­plet­tiert sich dein Selbst­bild. Du kommst aus jedem Trai­ning mit einer Erkennt­nis über dich zurück, die nach und nach zu sehr viel Klar­heit, Sta­bi­li­tät und einer ganz beson­de­ren Art von Selbst­be­wusst­sein“ führt. Denn plötz­lich wirst du dir deiner Selbst bewusst. Du weißt, wo dein Körper auf­hört und wo deine Umge­bung beginnt. Du weißt ein­fach, was dir guttut und wovor du dich lieber in Acht nehmen soll­test. Dein Auf­tre­ten ändert sich, du wirst viel gelas­se­ner im Alltag und weißt ein­fach, was du willst, ohne dass du viel mit dir selbst“ dis­ku­tie­ren musst. 

Acht­sam­keits­trai­ning für den Sport
7Mind kos­ten­los star­ten


Wie kannst du deinen Ein­stieg finden?

Letzt­lich macht nicht die Beschäf­ti­gung an sich, son­dern dein Umgang damit den Unter­schied. Erst mal muss dir bewusst sein, dass dir nie­mand dabei helfen kann, dich selbst besser ken­nen­zu­ler­nen und deinen inne­ren Kom­pass aus­zu­rich­ten. Nie­mand kann dir diese Fragen über dich ernst­haft beant­wor­ten. Du selbst musst die Zeit inves­tie­ren und die Zeit mit dir selbst ver­brin­gen.

Für mich per­sön­lich war es am sinn­volls­ten, eine eigene Bewe­gungs­pra­xis“ zu ent­wi­ckeln. Das kann die Arbeit an einer bestimm­ten Fähig­keit, bei­spiels­weise dem Hand­stand, dem Klimm­zug, ein Rück­wärts­salto oder auch balan­cie­ren sein. Wich­tig dabei ist, dass du es nicht inner­halb von ein paar Stun­den lernen kannst und nicht schon nach ein paar Tagen oder Wochen die Freude daran ver­lierst. Denn viele Erkennt­nisse kommen auch erst im Laufe der Zeit, also dann, wenn du dich wieder und wieder mit der glei­chen Sache beschäf­tigst.

Natür­lich kannst du dir Hilfe dabei suchen, wie du dir diese Fähig­kei­ten aneig­nen kannst, oder du machst bei­spiels­weise einen Boul­der­kurs zum Ein­stieg. Die Übung und die regel­mä­ßi­gen Ter­mine mit dir selbst kannst du aber am besten alleine wahr­neh­men. Frage dich hin­ter­her: Was habe ich denn heute gelernt? Das kann rein auf der phy­si­schen Ebene sein („Wenn ich mit dem Schien­bein auf einer Beton­kante lande, tut mir das weh“) oder bereits eine Erkennt­nis auf der Meta­ebene („Die ersten drei Hand­stand-Ver­su­che in einer Ses­sion sind ent­schei­dend. Wenn ich die gut hin­be­komme, läuft der Rest wie von allein“). 

Abschlie­ßend möchte ich beto­nen, dass Bewe­gung bei weitem nicht der ein­zige Weg ist. Kürz­lich habe ich für meinen Pod­cast eine Auto­rin inter­viewt, bei der genau der glei­che Selbst­er­k­ent­niss-Pro­zess“ wieder und wieder beim Schrei­ben pas­siert. Und das glei­che beob­ach­tet man bei Musi­kern, Künst­lern oder auch im Hand­werk. Letzt­lich geht es darum, die Zeit mit dir acht­sam zu ver­brin­gen und ein Gespür dafür zu ent­wi­ckeln, wie es in dir drin tat­säch­lich aus­sieht.

Ben­ja­min Jaksch kommt aus Mün­chen, ist Coach für Authen­ti­zi­tät und ein großer Fan des Ent­de­ckens neuer Erkennt­nisse über die eigene Per­sön­lich­keit mit­hilfe von Bewe­gung. Vor ein paar Jahren begann Ben über Bewe­gung den Weg zu sich selbst“ zu erkun­den. Es begeis­tert ihn, mit Men­schen zu arbei­ten und ihnen zu helfen, ihr wahres Ich“ zu ent­fal­ten sowie Stra­te­gien zu ent­wi­ckeln, die zu Authen­ti­zi­tät führen und echt“ zur Per­sön­lich­keit passen. Auf diesem Weg baut Ben immer wieder die das Ele­ment der Bewe­gung ein, da sich durch Bewe­gung bereits viele Ant­wor­ten finden lassen, ohne dass man nach­den­ken muss.


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Bild: Redd Angelo auf Uns­plash
Bild im Text: Jamie Street auf Uns­plash