(Bild: Tobias Esch)

Tobias Esch gehört zu den renommiertesten Experten der Body-Mind-Medizin und der Glücksforschung. Als Professor an der Universität Witten / Herdecke arbeitet er im Bereich der Integrativen Gesundheitsversorgung und untersucht, wie man selbst chronische Krankheiten durch einen ganzheitlichen Ansatz behandeln kann.

In seinem neuen Buch „Der Selbstheilungscode: Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit“ (2017) spricht er aus wissenschaftlicher Sicht über unsere eigenen Selbstheilungskräfte und wie wir diese Potenziale wieder für uns entdecken können. Wir haben mit ihm über den „inneren Arzt“ gesprochen und wie man das Vertrauen in seinen eigenen Körper zurückgewinnt.

1. Sie sind Facharzt für Allgemeinmedizin, Neurowissenschaftler und Experte für Gesundheitsförderung. Zudem werden Sie oft als Glücksforscher betitelt. Wie kam es zu der Idee, Erkenntnisse aus der Glücksforschung für die Medizin zu nutzen?

Als Arzt ist mir in der Praxis immer schon aufgefallen, dass die Patienten den Wunsch haben, sich selbst an ihrer Behandlung und Versorgung zu beteiligen. Und Menschen unternehmen vieles, um diesem Wunsch nachzugehen. Viele lassen sich beraten, kaufen sich Ratgeberbücher oder lesen aufmerksam die Apotheken Umschau. Und sind auf der Suche nach Dingen, die sie selber für sich tun können. Aus der Wissenschaft ist bekannt, dass es ein großer Spender von Glück sein kann, wenn Menschen selbst aktiv werden. Nämlich durch das Gefühl „Ich hab’s gemacht“. Und diese beiden Dinge – das Gefühl „Ich hab's gemacht“ und die medizinische Behandlung – machen nicht nur den Patienten, sondern auch den Arzt glücklicher.

2. Glück ist für viele Menschen etwas, das sie nicht beeinflussen können – man hat es, oder man hat es nicht. Wie erforscht man so ein subjektives Gefühl wie Glück, und lässt sich Glück tatsächlich erlernen?

Wir forschen u.a. in unserer neurowissenschaftlichen Arbeitsgruppe in New York seit über zwanzig Jahren an dem Belohnungssystem in unserem Gehirn. Das ist der Bereich im Gehirn, der eine Aktivität, ein Verhalten lohnenswert erscheinen lässt. Wenn wir etwas tun, das uns gut tut oder gut für uns ist, dann werden “Belohnungs-Botenstoffe” im Gehirn ausgeschüttet. Und die machen auch glücklich. Glück ist also nicht nur ein Gefühl, sondern auch eine harte biologische Währung. Durch moderne Bildgebung, die wir im Bereich der Hirnforschung haben, wissen wir seit vielen Jahren, dass bei der Achtsamkeitsmeditation, wie übrigens auch beim Placeboeffekt, ein Großteil der Areale im Gehirn aktiviert werden, in denen auch die Belohnungszentren sind. Zusammengefasst kann man behaupten: Es gibt einen denkbaren Zusammenhang zwischen Achtsamkeit und Meditationserfahrungen, zwischen innerer Einkehr einerseits, und innerer Belohnung und Glück andererseits.

3. In Ihrem neuen Buch “Der Selbstheilungscode: Die Neurobiologie von Gesundheit und Zufriedenheit” geht es darum, Selbstheilung wieder als natürlichen Teil der Medizin anzuerkennen. Wieso ist der Glaube an die Selbstheilungskräfte in unserer modernen Gesellschaft Ihrer Meinung nach abhanden gekommen?

Wir haben das Zutrauen in unsere eigenen Ressourcen und die Potenziale unserer Selbstheilungskräfte verlernt, wie es scheint, auch weil die Medizin immer detaillierter und immer spezifischer geworden ist. Und der „gesunde“ Menschenverstand nicht mehr in der Lage ist, diese molekularen Prozesse zu verstehen. Somit ist die Medizin zu etwas geworden, was für den Menschen im Alltag schwer durchschaubar ist. Und medizinische Heilungserfolge – zumal mit Medikamenten oder aufwendigen Operationen – zu etwas, das unbedingt Experten voraussetzt.

Das hat uns über die letzten zwei Jahrhunderte zunehmend das Zutrauen verlieren lassen – in unsere eigenen Selbstheilungskräfte und auch in den eigenen Expertenstatus für unsere Gesundheit. Der war aber nie weg, denn wir wissen aus der Placeboforschung, dass es immer das Potenzial für Selbstheilung gibt. Und wir sehen das Bedürfnis der Menschen, sich selbst am Heilungsprozess zu beteiligen. So tauschen sich die Menschen heute vermehrt über Selbstheilung, Möglichkeiten sich gesund zu ernähren, zu bewegen, oder eben zu meditieren aus.

Mein Ansatz ist, dass wir zwei wichtige Dinge wieder zusammenbringen: Das, was die Menschen schon immer hatten – ihren eigenen „Expertenstatus“ für ihre Gesundheit – und die Medizin, auch die wissenschaftliche Medizin. So war es im Übrigen immer schon. Schon bei Hippokrates galt die Lebenskunst, die Tugendhaftigkeit, also das, was ich als Patient selbst tun kann, als eine der drei wichtigen Säulen der Medizin. Was Leute wie ich vorschlagen, ist nicht mehr aber auch nicht weniger, als diese Säule wieder fest in die Gesundheitsvorsorge und in die Medizin zu etablieren.

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4. Haben Sie einen Tipp, wie man den “inneren Arzt” stärken und lernen, ihm zu vertrauen?

Der Spürsinn ist der entscheidende. Ich kann dieses Zutrauen nur entwickeln, wenn ich auch in mich hinein spüre. Und das ist durchaus eine knifflige Angelegenheit und gar nicht banal. Zum einen haben wir es nicht mehr gelernt oder oft wieder verlernt, in uns hinein zu spüren, zum anderen sind die Dinge, die wir über uns erfahren, wenn wir zur Besinnung kommen, nicht immer angenehm. Viele von uns leiden unter “Stress-Warnsignalen” und Stress-assoziierten Symptomen, haben Verspannungen, Schmerzen, Verdauungsschwierigkeiten. All diese Dinge führen dazu, dass Menschen es als unangenehm empfinden können, in sich hinein zu spüren, weil sie nicht mehr in Kontakt mit sich sind. Aber das ist die Voraussetzung, damit wir eine Art Bestandsaufnahme machen können, wo wir stehen. Erst so können wir uns motivieren, auf dem Weg in Richtung Gesundheit ein Stück voranzukommen.

Dieses Hineinfühlen ist der erste Schritt. Wir werden dabei Dinge über uns erfahren, die wir möglicherweise unangenehm und nicht schön finden, also ist der zweite Schritt die Akzeptanz. Der dritte Schritt ist es, die Dinge einzuleiten, die man mit “Selbstheilungscode” oder Selbstheilung übersetzen könnte. Das sind nämlich die Dinge, die wieder unsere Autoregulation, oder auch unsere Selbstregulation, aktivieren. Und das alles geht nur im Jetzt – ich kann nur jetzt in mich hineinspüren, nicht in der Zukunft oder in der Vergangenheit. Es beginnt also damit, ins Jetzt zu kommen und mir meines aktuellen Zustandes, egal ob angenehm oder unangenehm, gewahr zu werden.

5. Wie passt das mit dem Thema Psychosomatik zusammen? Also dass es auch Menschen gibt, die sehr viel in sich hineinspüren aber da vielleicht das „Falsche“ entdecken?

Das ist der andere Teil, der beim Hineinspüren knifflig ist – dass Sie aufpassen müssen, nicht zum Hypochonder zu werden. Also zu jemandem, der schon beim Spüren des Herzschlags ängstlich wird und einen Herzinfarkt vermutet. Entscheidend ist, dieses Hineinspüren mit einer liebevollen Haltung gegenüber uns selbst zu verbinden. Da steckt die Akzeptanz drin. Erstmal geht es nur ums Feststellen und nicht darum, in die Angst oder das Glücksgefühl zu flüchten, nach dem Motto “Wie toll fühle ich mich heute an”, sondern erstmal nur zu beobachten und nicht zu bewerten. Die Aufmerksamkeit halten können ist schon schwer genug! Oft folgt man zunächst dem Impuls, den man empfindet, wenn man unangenehme Dinge spürt. Dieser Impuls wäre es, zu kämpfen oder zu fliehen, das heißt in die Angst hineinzugehen. Und das ist der Grund, warum viele Menschen im Alltag eben nicht mehr in Kontakt mit sich sind. Weil da häufig diese Angst oder Anspannung mitschwingt.

Menschen, die sehr achtsamkeitserfahren sind, zum Beispiel durch jahrelange Meditationspraxis, können teilweise winzige Temperaturunterschiede des eigenen Blutes unter der Haut spüren. Tatsächlich ist es also möglich, durch eine extrem geschulte Aufmerksamkeit auch gesunde Körperprozesse wahrzunehmen, die uns normalerweise nicht zugänglich sind. Das entscheidende ist, einen empathischen, fürsorglichen Umgang mit uns und unserer Körperempfindung zu entwickeln. Genauso wie die Akzeptanz. Und den Status eines teilnehmenden Beobachters einzunehmen, der sich selbst wie im Kino oder im Fernsehen beobachtet und sich nicht in Angst, aber auch nicht in Euphorie, hineinziehen lässt.

6. Was würden Sie sagen, wie Mediziner diesen Prozess ganz konkret unterstützen können? Was muss sich vielleicht auch am jetzigen System ändern, in dem oft wenig Zeit für den Patienten ist?

Wenn wir über Selbstheilung sprechen, oder auch über Achtsamkeit und Meditation in dem Kontext, ist unser Ansatz zunächst nicht, das Kranke in den Mittelpunkt zu stellen, sondern die „Besinnung“, also die Wahrnehmung im Moment, wieder neu zu üben – egal ob gesund oder krank. In der Folge stellen wir fest, dass wir unsere Heilungskräfte, unseren inneren Arzt, aktivieren können und zwar unabhängig davon, ob wir jetzt gesund oder krank sind. Wie auch immer man das messen oder betiteln möchte.

Die Idee ist nicht, etwas Krankes zu beseitigen, obwohl das durch Achtsamkeitspraxis passieren kann, wie Studien zeigen. Aber das Ziel von so einem Ansatz ist nicht, die Meditation wie eine Pille einzuwerfen und dann passiert ein vorhersagbarer Effekt in Bezug auf ein bestimmtes Symptom. Anders etwa als bei der psychosomatischen Medizin, wo ich generell erst krank sein muss, um die Behandlungsoption zu bekommen, ist der Ansatz hier, das Gesunde zu stärken. Und zwar in jedem Moment.

Also eher eine Präventivmaßnahme?

Genau. Wobei wir, genauer gesagt, eher von Gesundheitsförderung sprechen würden. Aber eben auch begleitend oder integrativ als Teil der normalen medizinischen Behandlung. So wird es Teil dessen, was mein alter Chef in Harvard, Professor Herbert Benson, meinte, wenn er vom „dreibeinigen Stuhl“ einer ganzheitlichen und ressourcenorientierten Medizin sprach. Dieser Stuhl stützt sich auf die Selbstheilung – und eben auch auf die anderen beiden Stuhlbeine: Medikamente, oder was der Arzt oder Therapeut mir gibt, und medizinische Prozeduren, also das, was der Arzt oder Therapeut mit mir macht. Den Platz der Selbstheilung – und auch der Achtsamkeit oder der Meditation – sehen wir nicht psychosomatisch, im Sinne von krank, sondern in dem Potenzial, körperliche Prozesse mittels unserer geistigen und mentalen Fähigkeiten positiv zu beeinflussen. Es geht um die Stärkung der Gesundheit, d.h. der Gesundheitsschutzfaktoren und Widerstandskräfte, und um den Abbau von Belastungen. Man spricht auch von der „Resilienz“ oder von „Salutogenese“.

Wir müssen uns nur anschauen, was die Anlässe sind, warum Menschen zum Arzt gehen. Es gibt dazu unterschiedliche Untersuchungen, aber zwischen 60 - 80% der so genannten “primären Beratungsanlässe” sind wohl Stress-assoziiert. Stress muss nicht immer der alleinige oder der primäre bzw. eigentliche Grund für ein Symptom oder eine Erkrankung sein, aber etwa zwei Drittel der Erkrankungen, mit den Menschen zum Arzt gehen, hängen irgendwie mit Stress zusammen. Die so genannten “großen Erkrankungen”, an den Menschen bei uns am häufigsten erkranken und auch versterben, sind Kreislauferkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck. Alle diese Krankheiten haben sehr starke Verbindungen zum Thema Stress und auch zum vegetativen Nervensystem, also dem Nervensystem, das die inneren Prozesse reguliert. Selbst bei einigen Krebserkrankungen kann sich Stress ungünstig auf den Heilungs- und Behandlunsprozess auswirken. Aus unserer Forschung und von anderen Arbeitsgruppen, wissen wir, dass diese Prozesse recht sensibel für Meditationstechniken, Achtsamkeitstechniken und eben auch Selbstheilungstechniken sind. Wieso also nicht genau diese Dinge mit in die Waagschale der Behandlung werfen? Nicht mit dem Anspruch, Alternativmedizin zu machen oder Wunderheilung zu betreiben, sondern als nüchterne, sehr sinnvolle, wissenschaftlich fundierte Methoden, um meine eigenen Potenziale und Selbstheilungskräfte mit an den Tisch zu bringen.

7. Wie sieht es bei Ihnen persönlich aus? Sie haben einen sehr aktiven, um nicht zu sagen stressigen Alltag. Wie sorgen Sie dafür, dass Sie auch Auszeiten haben und Achtsamkeit praktizieren?

Ich nutze die Säulen, die man aus der Wissenschaft, der sog. „Mind-Body Medizin“ und der Achtsamkeit bzw. Gesundheitsförderung und Stressbewältigung kennt. Ich versuche, mich mindestens eine halbe Stunde am Tag zu bewegen, gerne auch mal mehr. Ich versuche, mich gesund zu ernähren, das bedeutet in der Regel mediterrane Kost, abends nicht zu viel zu essen und immer auch mal eine Mahlzeit ausfallen zu lassen. Ich versuche, Phasen der inneren Einkehr zu haben und jeden Tag kleine Achtsamkeitsübungen zu integrieren. Das können 7-minütige Einheiten sein, oder aber auch längere (oder noch kürzere) – manchmal reicht es schon, ein bis zwei Atemzüge ganz bewusst wahrzunehmen. Und das vierte, das ganz zentral für die eigene Glückssäule ist: Ich versuche, nicht in die Autopilotfalle zu geraten. Also wenn ich in stressigen Situationen automatisch negative Gedanken habe, versuche ich aktiv, mich wieder selbst auf das Gleis zu setzen, die Dinge positiv zu sehen und positiv zu denken. Dankbar zu sein, und mich mit Menschen zu umgeben, die mir gut tun.

Und vor allem in gute Beziehungen zu investieren – in die Familie, in den Freundeskreis. Denn auch aus der Forschung wissen wir, was jeder aus der eigenen Erfahrung kennt: Das ist der wichtigste Moment, der wichtigste Spender von Glück, von innerer Einkehr und dem Gefühl anzukommen.


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